Moritz Leuenberger

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Kleine Rede für Marc Forster

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Moritz Leuenberger - Rede anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts an den Regisseur Marc Forster, Davos, 28. Juni 2008

Für mich ist der heutige Anlass eine Art Uraufführung, eine Premiere in meinem bisherigen Lebensfilm.

Zu jeder Premiere gehört es, etwas nervös und unsicher zu sein.

Diese Unsicherheit steigerte sich heute bei mir zur bangen Frage, ob ich im richtigen Film sei, denn ich spiele eine Nebenrolle bei einer Einbürgerung. Nebenrollen bin ich mich durchaus gewohnt, aber nicht Ehrenbürgerrechtsverleihungen.

Ich trete ja eigentlich eher in Action bei der Einweihung von Brücken, der nahen Sunnibergbrücke zum Beispiel (die Prättigauer Prücke mit dem Prinzen), oder vor vier Wochen bei der Einweihung des neuen Nationalparkzentrums in Zernez, zu dem ich auch nur dank dem zuvor eingeweihten Vereinatunnel gelangen konnte.

Pisten, Strassen und Rohrleitungen, das ist meine Welt, Infrastrukturen also, die ich politisch erkämpfe, dann stolz einweihe, - um dann am Schluss der James-Bond-Filme mit ansehen zu müssen, wie sie alle wieder zerstört werden.

Daher meine kleine Bitte an den frisch Eingebürgerten: Bitte im nächsten Bond-Film keine Eisenbahnschienen sprengen, das tut mir immer im Herz so weh.

Wenn ich jetzt nur die Eisenbahnschienen nenne, gestehe ich, dass mir nicht jede Infrastruktur gleich viel bedeutet. Das liegt an der Verlagerungspolitik.

Und da weiss ich Marc Forster auf meiner Seite.

Bei den Dreharbeiten zum neuen Bond-Film versenkte ein Stuntman ein Auto im Gardasee. Mir schwebt zwar eigentlich eher eine Verlagerung von der Strasse auf die Schiene vor, Marc Forster findet eher, die Autos gehören ins Wasser. Sehen wir über diese kleine Differenz hinweg, im Grundsatz sind wir uns ja einig:

Es gibt zu viele Autos auf der Strasse.

Ob es an solchen kleinen Differenzen liegt, weiss ich nicht, aber noch nie war ein Bundesrat an einer Einbürgerung anwesend.

Ganz im Gegenteil, unsere Behörden haben in dieser Hinsicht seit jeher eher Mühe, insbesondere gegenüber Kulturschaffenden.

Paul Klee schaffte die Einbürgerung nicht, dafür wurde er lange nach seinem Tod mit einem eigenen Museum in Bern geehrt.

Ernst Ludwig Kirchner wurde auch nicht Schweizer, und musste sich ebenfalls mit einem Museum begnügen, hier in Davos.

Entweder Bürgerrecht oder ein Museum, beides geht offenbar nicht. Wir pflegen unsere demokratische Gleichheit wie die Hecken unserer Vorgärten: Spriesst ein Spross all zu sehr über den Durchschnitt hinaus, stutzen wir ihn zurück.

Ein Marc-Forster-Museum wird nach dieser Logik also nicht auch noch drinliegen.

Wohl auch deshalb verhielt sich die die offizielle Schweizer Politik mit Schweizern, die im Ausland grosse kulturelle Leistungen für den Film erbrachten, meist sehr zurückhaltend und meldete sich dann erst bei runden Geburtstagen.

So habe ich, jeweils als Bundespräsident, Bruno Ganz erst nach vierzig Jahren Schauspieltätigkeit gewürdigt, Ursula Andres zum 70. Geburtstag gratuliert, Maximilan Schell zum 75., und ihnen im Namen des Schweizer Volkes für alles gedankt, was sie für unser Land getan hatten.

Ich habe dabei festgestellt, wie sehr alle sich über diese offiziellen Ehrerbietungen freuten, wie sie alle sich aber auch ein wenig beklagten, dass sie so alt werden mussten, bis die offizielle Schweiz ihnen Anerkennung schenkte.

Sportler haben es in dieser Hinsicht besser: Bundesräte warten nicht, bis sie 75 sind, sondern reisen an Tennis- oder Fussballturniere, um die Landsleute zu unterstützen und ihre Solidarität mit ihnen vor laufender Kamera zu bezeugen; dass dann auch noch Kameras dort sind und alles live im Fernsehen übertragen wird, ist ein total reiner Zufall.

Das ist einer der Gründe, warum ich heute hierhin gekommen bin: Um einem jungen Schweizer Kulturschaffenden, der jetzt mit dem Namen und dem Bürgerrecht unseres Landes weltweit wirkt, unsere Sympathie zu bekunden.

Ich will mich hier und jetzt solidarisieren und nicht bis zum 75. Geburtstag von Marc Forster warten; unter anderem deshalb nicht, weil nicht völlig ausgeschlossen ist, dass ich dann nicht mehr im Amt bin ...

Es ist wohl auch besser, ich tue das heute bei der Verleihung des Ehrenbürgerrechts und nicht während der Dreharbeiten, auch wenn ich für mich in Anspruch nehme, ein Profi zu sein. Ich habe immerhin schon ein Drehbuch für einen SBB-Werbespot geschrieben.

In Grussbotschaften und Lobesreden für betagte Schweizer, die es in der weiten Welt zu Ruhm und Ehre gebracht haben, erinnern wir die Jubilare jeweils an ihre heimatlichen Wurzeln und gleichzeitig sonnen wir, die wir hier blieben, uns stolz in ihrem Weltglanz.

Und so ist es ja auch heute: Einerseits erinnern wir Marc Forster an den Ort, von wo er in die Welt startete, und gleichzeitig klopfen wir uns im Geist selber auf die Schultern und fühlen uns auch etwas mitverantwortlich am „Drachenläufer" und an „Finding Neverland".

Aber, und das ist der Unterschied zu den Geburtstagswünschen für Fünfundsiebzigjährige, wir blicken nicht nur nostalgisch zurück und würdigen ein Lebenswerk, sondern wir schauen vorwärts und freuen uns neugierig auf die Zukunft, in der wir mit Marc Forster verbunden sein möchten.

Wir nehmen damit auch ein Risiko auf uns. Wir haben keine Garantie, dass sein Schaffen immer nur von Glanz und Gloria, von weltweitem Erfolg und von Zustimmung getragen sein wird. Vielleicht werden die nächsten Filme von Marc Forster verrissen.

Doch diese Spannung wollen wir zukünftig eben gerade teilen.

Auch sonst kann es ja ganz anders kommen, als wir denken. Filmschaffende aus europäischen Alpenländern, die in die USA auswandern, werden ja im Filmstaat Kalifornien zuweilen Gouverneure.

Vielleicht werden Kulturschaffende ja gerade deshalb erst in vorgerücktem Alter geehrt, wenn Gewissheit besteht, dass sie nicht mehr in politische Gefilde abgleiten.

Wer aufbricht, die Welt jenseits des Horizonts zu entdecken, startet zunächst aus einem sicheren Hafen und während er unter fernen Himmeln unterwegs ist, weiss er sich diesem Heimathafen und den zu Hause gebliebenen verbunden.

Diese Verbundenheit ist gegenseitig, denn umgekehrt brechen auch wir auf, die wir das Wirken der Freunde in der Ferne verfolgen, die wir uns dabei mit ihnen identifizieren, mit ihnen fiebern, uns mit ihnen freuen und mit ihnen leiden.

Es ist kein Zufall, dass Ursula Andres als unser aller „Ursi National" bezeichnet wurde, als sie in der fernen Karibik mit einer Muschel dem Meer entstieg und zu Sean Connery fand. Wir reklamierten sie für uns, für unsere Nation und wir waren stolz auf sie. Durch sie waren wir im Weltgeschehen vertreten.

Und so sehen wir, die bedeutendste Infrastruktur ist die Kultur. Und die globalste Bedeutung kommt dabei dem Film zu.

Der Film als weltumspannende kulturelle Infrastruktur lebt im Besonderen davon, dass die Filmemacher selber zwischen verschiedenen Kulturen pendeln.

Was wäre das US-amerikanische Kino ohne einen Martin Scorsese oder einen Fritz Lang, also ohne italienische oder deutsche Wurzeln?

Was wäre der Schweizer Film ohne Leopold Lindtberg mit österreichischen oder ohne Samir mit irakischen Wurzeln?

Ihre kulturelle Herkunft hat ihnen erst ermöglicht, die neue Welt, in die sie traten, zu entdecken und zu verstehen. Als ehemals Fremde bereichern sie die Schweiz, wie Marc Forster als Schweizer in der Ferne die Welt bereichert.

Nicht immer werden Fremde aber als mögliche Bereicherung wahrgenommen, auch in der Schweiz nicht.

Menschen aus dem Balkan wurden in einigen Gemeinden jahrelang nicht eingebürgert, aus dem einfachen Grund, weil sie aus dem Balkan stammen.

Es sei denn, sie sind Fussballer. Dann bemühen wir uns manchmal fast schon fieberhaft um die jungen Ausländer - in der Hoffnung, mit ihnen an einer Europameisterschaft mehr als nur die Rolle des Gastgebers übernehmen zu können.

Rakitic und Petric hätten wir zum Beispiel gerne in unserer Nationalmannschaft gehabt statt in der kroatischen.

(Als Kroaten haben sie an der EM ja wirklich wunderbaren Fussball gespielt, aber - tröstlich für uns - das Penaltyschiessen gegen die Türkei weckte heimatliche Gefühle und erinnerte an ihre Schweizer Wurzeln ... )

Es fällt uns also offensichtlich leichter, einzubürgern, wenn wir uns einen Nutzen daraus versprechen. Ich gebe also gerne zu, dass wir Sie, Marc Forster, auch uns selbst zuliebe ehreneinbürgern.

Wer einwandert, wer auswandert, weiss, dass die Begegnung mit dem Fremden immer kulturelle und soziale Spannungsfelder erzeugt.

Marc Forster kennt diese Spannungsfelder, und er weiss, dass die politischen, kulturellen und sozialen Konflikte, die wir hier austragen, dieselben Konflikte sind, die sich auf der Weltbühne abspielen.

So wie sich in der Verfilmung von Conrad Ferdinand Meyers „Jürg Jenatsch" zwei Familiengeschlechter unversöhnlich gegenüberstehen, so stossen im „Drachenläufer" zwei unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander.

Im einen Fall sind es protestantische und katholische Talschaften hier im Bündnerland. In Kabul ist es der Zusammenprall einer laizistischen und einer fundamentalreligiösen Welt.

So wie unser kleines Land von unzähligen sprachlichen, religiösen, politischen und kulturellen Trennungslinien durchwoben ist, ist die Welt ebenfalls von einem Netz von Konfliktlinien umspannt. Es sind unterschiedliche Drehbücher, die den gleichen Stoff behandeln.

Der Film als grosse kulturelle Infrastruktur schlägt zwischen Kontinenten und Kulturen Brücken, bohrt Tunnel durch Gebirge des Unverständnisses und kann so Begegnungen und Verständigung zwischen den Menschen ermöglichen.

Und so bin ich als Infrastrukturminister heute durchaus im richtigen Film gelandet und habe diese Nebenrolle gerne übernommen: für unseren schweizerischen Botschafter des Films - einer Infrastruktur voller Hoffnungen -, für Marc Forster.