[Version française Je suis une orange]

Montag Abend in der Amtshausgasse beim UVEK: Holländische Fans ziehen Richtung Stadion

Montag Abend in der Amtshausgasse beim UVEK: Holländische Fans ziehen Richtung Stadion

Man kann zur Euro08 stehen, wie man will, aber man kann ihr nicht entrinnen. Nicht mal als Bundesrat. Wenn ich morgens ins Büro komme, empfängt mich wummernde Bierzeltmusik, weil der holländische Fanbus mit seinen Riesenlautsprechern praktisch unter meinem Büro parkiert ist (direkt neben einem PW mit Plastiktulpen auf dem Dach). Diese wohlklingenden Töne werden im Laufe des Tages zunehmend durch lautes Gehupe und insbrünstig intonierende Männerchöre – es sind wirklich Männer, auch wenn sie Holzzoggel, Röcke und Perücken tragen – in einer Weise übertönt, die jede Sitzung im UVEK zum Erliegen bringt, weil keiner mehr den anderen versteht. Als Höhepunkt folgt das abendliche Bad in der Menge, wenn ich mir auf dem Weg zum Bahnhof im Schneckentempo einen Weg durch eine orange Wand von bierbecherschwingenden (immerhin sind es umweltfreundliche Mehrwegbehältnisse) Fans bannen muss, von denen mir jeder dritte aufmunternd auf die Schultern klopft. Es ist dies der Moment, wo ich leibhaftig zu spüren bekomme, wie völkerverbindend der Sport doch ist.

Immerhin: Es gibt schriftliche Garantien, dass der Ausnahmezustand in einer guten Woche zumindest in Bern beendet sein wird. Bis dahin werde ich mich allerdings noch einige Male zum Parlamentsgebäude durchschlagen müssen. Das tue ich allerdings gerne, denn die Fans in orange sind ja eigentlich ganz friedlich. Es kommt mir immer wieder jenes französische Chanson in den Sinn, das ich in meiner Jugend so geliebt habe und auf dessen Suche ich immer noch bin, um es wieder zu hören. Der Refrain lautete: „Je me sentais comme une orange, pas fier de moi, la vie, la vie, c’est comme ça.“ Kennt es jemand? Ein Geschenk dem- oder derjenigen, die mir rausfindet, wo ich das Lied beschaffen könnte. Denn die orange Farbe schadet offenbar nicht, denn nach dem Nationalrat hat auch der Ständerat Ja gesagt zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs in den nächsten 20 Jahren. Und das Parlament hat bereits die Planung weiterer Grossprojekte in Auftrag gegeben, die unser Schienenetz noch leistungsfähiger und unsere Mobilität nachhaltiger machen werden. Wenn wir schon nicht Europameister werden, dann bleiben wir doch wenigstens Weltmeister: im Bahnfahren.

Bis bald

Moritz Leuenberger