[Version française: Les films incitent-ils à conduire dangereusement?]

Hummer by Trya
Bild: Flikr

Zunächst: „Schauen“ ist tatsächlich besser als sehen. Stimmt. Ich liess mich durch den Partyspruch verleiten. Auf Schweizerdeutsch heisst es ja „luege, lose etc“. Das wird dem Anliegen gerechter. Dann: Ja, es stört mich ja auch, dass die Kinder konditioniert werden müssen und auf gar keinen Fall darf es so weit kommen, dass selber schuld ist, wer keinen Leuchtgurt trägt oder vielleicht als Fussgänger ungeschickt verhält. Dennoch, die Verkehrserziehung dient auch der Vermeidung von Opfern und darf nicht gescheut werden. Wem nützt es, Vortritt gehabt zu haben und dennoch im Spital gelandet zu sein? Die Hauptbemühungen müssen sich daher der Erziehung der Autofahrer widmen und das geschieht nicht nur in der unmittelbaren Fahrausbildung, sondern auch indirekt durch die allgemeine Haltung zu Potenz auf der Strasse, zur Geschwindigkeit, wie sie in Werbung und Filmen zum Ausdruck kommt. Daher nochmals zum vorletzten Beitrag und seinen Kommentaren:
Wie kann ich anerkennende Worte zu Marc Forsters James Bond finden, wo doch die dort gezeigten Autoverfolgungsjagden Vorbild für manchen Raser sein dürften. Das fragten sich einige Kommentatoren, Ueli Schäfer zum Beispiel.

Die Frage ist berechtigt und ich habe selber auch schon in dieselbe politische Kerbe gehauen. 1974, als auf das Trottoir vor dem Kino Apollo in Zürich das Filmauto von James Bond als Reklame aufgestellt wurde, fragte ich als Gemeinderat, worin der Stadtrat das öffentliche Interesse an Verfolgungsjagden sehe: „Hat sich der Stadtrat dabei etwas gedacht und , falls ja, was?“ Ja, da war ich halt noch jung und frech und der kleine Vorstoss fand unter dem Titel „Gemeinderat gegen James Bond“ in der ganzen Schweiz Beachtung und führte zu vielen Kommentaren.

Doch im Gegensatz zu den früheren Bondfilmen animieren die Autoszenen in Marc Forster Film nicht zum Rasen. Sie zeigen sehr brutal sinnlose Gewalt und Zerstörung, es ist kaum ersichtlich, wer in welchem Auto sitzt und wer wen verfolgen würde. Nur beklemmendes Getöse schockiert den Zuschauer. Ob die Kritiker den neuen Bond loben oder kritisieren, alle schreiben sie von der Sinnlosigkeit und Absurdität dieser Autoszenen. Ich weiss, die Grenze zwischen Abscheu und Verherrlichung ist oft sehr schmal. Wie mancher Kriegsfilm wollte die Sinnlosigkeit des Krieges zeigen und weckte stattdessen gerade das Gegenteil, nämlich heroische Gefühle der Bewunderung. Oder wenn ich an den Werbefilm von Audi denke, der bis vor kurzem noch im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde: Da liefern sich zwei Audifahrer in der Stadt ein Rennen, wo sie sich gegenseitig mit quietschenden Reifen und überdrehten Motoren überholen, um am Schluss festzustellen, der Sieger habe weniger Benzin verbraucht als der andere. Dieser Werbefilm animiert sicher trotz seines grünen Alibischlusses sehr viel mehr dazu, rasant zu fahren als Forsters Film dies tun würde. Und auch die wöchentlichen Lobpreisungen für starke und schnelle Autos in der Motorshow in SF 2 tun das, selbst wenn in den Filmbeiträgen korrekt gefahren wird. Letztlich zählt wohl gar nicht die Absicht des Regisseurs, sondern der Effekt seines Filmes beim Zuschauer. Da hat Marc Forster gewiss viele Kritiker verunsichert, weil sein ganzer Film keinen klaren Aufbau zeigt, sondern mit schnell geschnittener Hektik bewusst verwirrt und nur wenige Botschaften platziert, zum Beispiel wie sich die südamerikanische Landbevölkerung nicht gegen eine korrupte Globalisierung zur Wehr setzen kann und um ihre Grundrechte gebracht wird.

Deswegen kann ich den Vergleich der NZZ zwischen Forsters „Quantum of Solace“ und Scotts „Body of Lies“ überhaupt nicht teilen. Unter dem Titel „Der bessere Bond“ spricht die Filmkritikerin der kaleidoskopischen Collage Forsters die Logik ab und findet diese im angeblich politisch aussagekräftigen „Body of Lies“. Sie übersieht zunächst, dass Forster diese Logik eben gar nicht wollte – und sie überschätzt Scotts Inszenierung masslos. Leider folgte ich dem Rat der NZZ, besah mir „Body of Lies“ und wurde arg enttäuscht. Da wird die Kriegskulisse des nahen Ostens für ein Heldenepos benutzt, ohne dass dieser Krieg irgendwie hinterfragt würde. Da wird amerikanische Kriegstechnologie grenzenlos hochgejubelt, als fehlerfrei funktionierend bewundert, dass man schon fast von einem Propagandafilm sprechen muss. Nichts von der kritischen Aufarbeitung wie gegenüber dem Vietnamkrieg, welche der amerikanische Film ja auch leistete.
Dafür war die Berichterstattung und die Kommentierung der NZZ zur Verbandsbeschwerde vor und nach der Abstimmung einwandfrei; dort ging es allerdings auch um handfeste Fakten und nicht um eine subjektive Wertung, wie bei der Beurteilung eines Filmes. Ich bin um die Harmonie zwischen NZZ, Bundesrat und den Stimmbürgerinnen und Stimmbürger froh, welche alle den Einsatz zugunsten der Umwelt anerkennen und offensichtlich auch schätzen.

Und ich versuche mal, ob ich zusammen mit dem EJPD einige Massnahmen gegen Raser in Via sicura beschleunigen kann, zum Beispiel lebenslanger Ausweisentzug, Alkoholverbot für Neulenker oder Konfiskation des Fahrzeuges.

Bis bald
Moritz Leuenberger