[Version française Manipulation et Internet]

Rotkäppchen

Unversehens ist in den Kommentaren eine Diskussion über Manipulation durch die Internetmedien ausgebrochen. Dass Beiträge und Kommentare im Blog uns alle, also auch mich, in der Meinungsbildung beeinflussen, ist ja gewünscht. Sonst würde sich die Bedeutung des Blog darin erschöpfen, dass die Teilnehmer sich und ihre Ansichten nur gerade darstellen, um sich damit selber zu gefallen. Das wollen sie ja nicht, sondern sie wollen gelesen werden und bei den anderen Lesern eine Wirkung erzielen, in meinem Blog wohl vor allem eine politische Wirkung auslösen.

Tatsächlich liess ich mich schon oft von Kommentaren beeinflussen und eines anderen, hoffentlich Besseren, belehren. Gerade die Diskussion über die Vorbildfunktion eines Bundesrates hat mir zu denken gegeben. Aber auch andere Beiträge haben meine Argumentation bei öffentlichen Auftritten oder solchen im Parlament und im Bundesrat geprägt, nicht selten auch eigentlich meine Meinung geändert. Mein Buch über die Lüge und List ist ja auch ganz wesentlich von der Blog-Erfahrung geprägt und nimmt darauf Bezug. Und wenn der eine oder andere Beitrag von mir die Haltung eines Blogbesuchers oder einer –besucherin verändert haben sollte, so bin ich froh darüber, auch wenn ich weiss, dass diese Meinungsbildung keineswegs immer gerade so erfolgt, wie ich es mir wünschte. Zuweilen wird es wohl gerade das Gegenteil bewirken. Aber das ist ja nicht nur im Blog so, sondern überall dort, wo Menschen miteinander kommunizieren.

Allerdings bilden wir uns unsere Meinung nicht nur mit logischen Argumenten, die auf unseren Verstand wirken, sondern eben auch durch Gefühle. Das direkte Gespräch wirkt stärker und suggestiver als eine Diskussion im Blog. Die persönliche Ausstrahlung, die Gestik können sich besser entfalten. Deswegen arbeitet die Politik auf allen Ebenen immer auch mit Verführung. Verführung darf aber nicht mit Manipulation gleichgesetzt werden. Manipulation bringt jemanden zu einer Meinung, zu der er, wüsste er die volle Wahrheit, nicht gelangen würde. Verführung hat etwas Spielerisches und lässt dem Verführten durchaus die Freiheit, zu widerstehen. Nun ist es zweifellos so, wie in den letzten Kommentaren (vgl etwa den von Andres Stäuble) zu Recht geschrieben wird, dass manipulative Beiträge, die dem Wahrheitsgehalt keinerlei Bedeutung zumessen, im Internet leichter zu platzieren sind, als anderswo, und zwar hauptsächlich deswegen, weil auch eine anonyme Teilnahme möglich ist.

Es gibt Kommentare, die habe ich nicht aufgeschaltet, weil sie klare Lügen enthalten. Es würde mir gar nicht viel helfen, sie im Blog richtig zu stellen. Sie würden sich trotzdem weiter verbreiten. Mein Wikipedia-Eintrag kommt doch recht verzerrt daher, einfach deswegen, weil dort jeder und jede irgendetwas hineintippen kann, mit dem Ergebnis, dass eine durchaus manipulative Wirkung entstehen kann.

Solche Kommunikationsmechanismen hat es aber schon immer gegeben. Auch in einem Dorf kann die Gerüchteküche mit Unwahrheiten derart angeheizt werden, dass Bewohner oder Stimmbürgerinnen zu einer Meinung gelangen, die sie, wüssten sie die Wahrheit, nicht vertreten würden. In der Sache ist der Wahrheitsgehalt im Internet oder im Blog nicht anders, jedoch im quantitativen Ausmass, weil mehr Leute erreicht werden.
Auf den Blog möchte ich (vorläufig) aber dennoch nicht verzichten, weil ich dabei mit Menschen verkehren darf, zu denen ich sonst nie Zugang hätte, und sie auch nicht zu mir.

Ich blogge also noch ein Weilchen.

Bis bald

Moritz Leuenberger