Zum Tod von Mike van Audenhove

[Version française: Hommage à Mike van Audenhove]

Mike van Audenhove

Donnerstag las ich Zeitung anders: Schnell klaubte ich den Züri-Tipp aus dem Tagi und suchte sofort den Comic. Ich genoss die Zeichnungen von Mike langsam und ausführlich, gab mir Mühe, nicht auf das Ende zu schielen, um die Pointe so lange als möglich hinauszuschieben. Wie oft habe ich dann die Seite herausgerissen, sie anderen gezeigt und die Freude mit ihnen geteilt. Wie oft habe ich den Witz adoptiert und weitererzählt:

  • Zwei Leute, die intensiv am Handy quatschen, und sich später, als sie sich gegenüberstehen, nichts mehr zu sagen wissen.
  • Der Afrikaner, der auf dem Bahnperron die Welt nicht mehr versteht, weil sich alle über eine Zugsverspätung von drei Minuten grün und blau ärgern.
  • Wie oft habe ich mich auch selber erkannt, noch letzte Woche in jener Frau, die krampfhaft nach einem entfallenen Namen sucht, der bei ihr dann viel später plötzlich wie ein Komet einschlägt.

Derart liebevoll liess ich mich gerne karikieren. Mike hat uns als eine Zürcher Familie gezeigt, die sich jede Woche wieder erkannte und sich gegenseitig immer wieder lieb gewann, wie Mike uns alle gerne hatte.

Donnerstag lese ich die Zeitung künftig anders: Wehmütig werde ich Mike und seine Comics vermissen.


Moritz Leuenberger



Im mainstream der Raserdebatte

[Version française: Dans la foulée du débat sur les chauffards]

Remous
Bild: Flikr

Meine öffentlich geäusserten Gedanken zu den Rasern konfrontieren mich mit einem ganz anderen Phänomen. Ich erlebe plastisch, wie mediale Straffung und Zuspitzung den ursprünglichen Inhalt allmählich verändern kann und wie ein zunächst differenzierter und eigenständiger Gedankengang einen Drall erhält, so dass er zunächst im mainstream der öffentlichen Meinungen mitschwimmt und schliesslich in den Strudel der Mehrheitsmeinung gezogen wird.

Es begann mit den drei vorherigen Beiträgen im Blog. Sie wurden von insgesamt gegen zweihundert Kommentaren diskutiert und in verschiedenen Medien aufgenommen. Die SonntagsZeitung fragte mich schliesslich nach einem grundsätzlicheren Interview. Das Gespräch mit den beiden Journalisten verlief für mich anregend; ich schätze es, in einem Interview nicht nur ein Frage- und Antwortspiel abzuspulen, sondern zu diskutieren und dabei angeregt zu werden.
  • Nach einem solchen, etwas längeren Gespräch ist es allerdings nichts als natürlich, wenn die schriftliche Fassung gerafft werden muss und vieles vom Gesagten nicht mehr erscheinen kann. Dennoch bin ich mit dem veröffentlichten Text des Interviews zufrieden, denn ich vermochte meine Skepsis gegenüber härteren Strafen darzulegen und auf das weite Spektrum der in via sicura geplanten Massnahmen Gewicht zu legen. Deshalb verweise ich an dieser Stelle ganz gerne auf das Interview: „Die Justiz zeigt merkwürdige Beisshemmungen“.
  • Sehr viel zugespitzter erschien allerdings der Anriss auf der Titelseite. Da war nur von Justizkritik und höheren Strafen, die ich fordere, die Rede. Auch das scheint mir aber hinnehmbar, denn schliesslich konnte ja jedermann einige Seiten weiter hinten das Interview ausführlich lesen.
  • Mit diesem hatte dann aber der Aushang der Zeitung gar nichts mehr zu tun, denn auf diesem prangte an allen Verkaufsstellen in der Schweiz die Ankündigung, welche ich nun wirklich nicht gemacht habe, nämlich: „LEUENBERGER: TODESRASER SOFORT INS GEFÄNGNIS!“
  • Darauf meldete sich die Schweizer Tagesschau und wollte ein Interview zu meiner Forderung nach höheren Strafen und zu der Justizkritik. Ich handelte die Bedingung aus, dass auch meine grundsätzlichen Gedanken zum Zuge kämen. Obwohl das garantiert wurde, wurden die Aufnahmen dann doch wieder sehr justizkritiklastig zurechtgeschnitten, so dass
  • am nächsten Tag in den Zeitung zu lesen war, ich unterstütze die Initiative von roadcross (was ich nie gesagt habe) und ich hätte die Verwahrung von Rasern gefordert.
  • Das wiederum hat nun zur Folge, dass ich Zustimmung von jenen Kreisen bekomme, denen ich im ursprünglichen Interview just erklärt habe, dass höhere Strafen zwar für den moralischen Stellenwert eines Verbrechens ihre Berechtigung hätten, aber für die ursächliche Verhinderung von Verbrechen nur bedingt taugen würden.

  • So wurden meine Aussagen durch stete Zuspitzungen und Interpretationen in den mainstream der gängigen Forderung nach härteren Strafen abgedrängt und die Kritik lässt natürlich auch nicht auf sich warten: Ich kann einer Überschrift im Landboten gar nicht böse sein, der mir mit dem Titel „Ich bin auch ein Christoph Blocher“ Populismus vorwirft.

Ich konnte beobachten, wie alle Mitbeteiligten selber von der Notwendigkeit höherer Strafen überzeugt waren und ihre eigene Meinung wohlwollend durch meine Meinung untermauern wollten. Ich schildere dies auch deshalb alles ohne jeden Vorwurf (ausser vielleicht den einen an mich selber, dass ich dem Zeitungsinterview nicht noch ein elektronisches hätte folgen lassen sollen, denn das musste notwendigerweise zu einer Verkürzung führen). Ich will an dieser beispielhaften Erfahrung nur darlegen, wie sich eine ursprüngliche Botschaft durch viele Spindoctors und subjektive Interpretationen zu einer neuen verformen kann und dass auch ich in meinem Amt nicht davon verschont bleibe. Ich hoffe deshalb doch sehr, dass dieser Beitrag nicht seinerseits einen Drall verpasst erhält und am Schluss als Medienschelte kommentiert wird.

Bis bald
Moritz Leuenberger



Funken und Frequenzen

[Version française: Radios et fréquences]

© Silvan Wegmann (AZ/Sonntag)
Bild: Silvan Wegmann (AZ/Sonntag)

Ich könnte ja nicht gerade behaupten, mein letzter Beitrag zu den Parteispenden der Grossbanken sei unter uns geblieben. Obwohl der umstrittenste Satz bereits in einer Rede (mit vielen Medienvertretern) ausgesprochen worden war und auch schon einige Zeit vorher auf dem Internet war, löste erst der Eintrag im Blog Reaktionen aus. Das zeigt auch, dass je nach Kommunikationsform die gleichen Inhalte einmal Gleichgültigkeit (Internet), einmal Zustimmung (Rede), das andere Mal Ablehnung (Blog) erfahren. In einem Kommentar in der NZZ am Sonntag wurde denn auch geschrieben, ich „liebe die Medien nicht“ und würde mich daher lieber ohne Umweg über Journalisten direkt „im Blog an das Publikum richten“.

Gerade die Auseinandersetzungen um die letzte Woche verteilten Radio- und TV- Konzessionen zeigen etwas anderes:

Die Sonntagszeitung bat mich letztes Wochenende um ein Interview dazu, stellte am Freitag die Fragen und ich beantwortete sie am Samstag schriftlich. Kaum war die Arbeit gemacht, teilte die Zeitung mit, sie verzichte auf das Interview. (Ein anderes Interview über den Blog, das schriftlich erstellt wurde, wurde aber korrekt abgedruckt.)

Da bleibt mir ja wahrhaftig nur noch der Blog und ich mache also aus dem Vorwurf des direkten Publikumkontakts eine Tugend und publiziere hier das von der Zeitung unterdrückte Interview.

  • 1. Frage: In der Stadt Zürich gibt es zwölf UKW-Frequenzen für SRG-Radios, aber nur sechs für Privatradios (plus drei für Veranstaltungsradios). Warum dieses Missverhältnis?
    Antwort: Die Privaten beanspruchen viel mehr Frequenzen. Die Veranstalter aus den Nachbarregionen (Winterthur, Aargau, Ostschweiz) strahlen bis in die Stadt Zürich hinein. Die SRG braucht diese Frequenzen, um ihren Leistungsauftrag zu erfüllen. Für die drei deutschsprachigen Programme inkl. Regionaljournal. Die ersten Programme aus den anderen Sprachregionen sind eine schweizerische Vorgabe, die auch in anderen Sprachregionen umgekehrt gilt. Das ist eine Folge unserer Viersprachigkeit. Das braucht Frequenzen.

  • 2. Frage: Der Tessiner Sender Rete Uno belegt in der Stadt Zürich gleich zwei Plätze, für das Jugendradio Energy ist kein Platz. Das versteht niemand!
    Antwort: Für Rete Uno geht es um einen viel grösseren Raum als nur die Stadt Zürich. Der sogenannte Sprachaustausch war ein bewusster Entscheid; vergessen Sie nicht, dass in der Region Zürich sehr viele Italienischsprachige wohnen.

  • 3. Frage: FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger will eine Motion einreichen, um eine Neuverteilung zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Frequenzen erreichen. Bietet der Bundesrat dazu Hand?
    Antwort: Der Bundesrat wird demnächst darüber entscheiden. Die Frage wurde im Parlament beim Radio- und Fernsehgesetz intensiv diskutiert: eine grundlegende Neuverteilung der Frequenzen wurde abgelehnt.

  • 4. Frage: An der gestrigen Medienkonferenz haben Sie von einer Zusicherung von Cablecom gesprochen: TeleZüri werde weiter übers Kabelnetz vertrieben. In welcher Form liegt diese Zusicherung vor?
    Antwort: Ich habe mit den Verantwortlichen gesprochen Cablecom kann und will es sich nicht leisten, TeleZüri aus dem Kabel zu nehmen; Ihre Abonnenten würden reklamieren. Und wenn Cablecom dies trotzdem tun würde, könnten wir sie verpflichten, TeleZüri im Raum Zürich zu verbreiten.

  • 5. Frage: Wie stellen Sie sicher, dass die nun ausgewählten Privatsender auch halten, was sie vor der Konzessionsvergabe versprochen haben?
    Antwort: Die Sender werden ihre versprochene Qualitätssicherung extern überprüfen lassen. Das BAKOM kann dann allenfalls Massnahmen ergreifen bei gravierenden Mängeln. Zudem werden ab nächstem Jahr die Programme durch Wissenschaftler oder Universitäten analysiert. Die Resultate werden veröffentlicht, um einen öffentlichen Diskurs über die Qualität zu lancieren.

  • 6. Frage: Zurzeit werden die SRG-Sender von Medienwissenschaftlern evaluiert, nächstes Jahr kommen die privaten Sender dran. Dazu kommt eine geplante interne „redaktionelle Qualitätssicherung bei privaten UKW-Radio- und TV-Veranstaltern“. Kommt jetzt die totale Bürokratie in die Redaktionen?
    Antwort: Eine interne Bemühung um Qualität ist ja keine Bürokratie, sondern in jedem Beruf gang und gäbe. Jedes Unternehmen, das seriös arbeitet, legt Wert auf Qualitätssicherung. Immerhin erhalten die TV Sender nicht wenig an Gebührengelder.

  • 7. Frage: Der Privatsender Energy wird wegen seines Boulevard-Charakters eingestellt, das gebührenfinanzierte Schweizer Fernsehen setzt in der Sendung „Deal or no deal“ auf halbnackte „Money-Girls“. Wie viel Perversion erträgt die Schweizer Medienlandschaft?
    Antwort: Energy wurde nicht wegen seines Boulevard Charakters nicht konzessioniert. Das ist eine Ringier-Mär. SRG besteht zudem nicht nur aus deal or no deal.

  • 8. Frage: Wäre es nicht Zeit für eine Totalreform der Schweizer Medienlandschaft?
    Antwort: Die Diskussionen um das Radio- und Fernsehgesetz haben 10 Jahre gedauert; seit letztem Jahr ist das Gesetz in Kraft. Bundesrat und Parlament sind zum Schluss gekommen, dass auf Grund der Rahmenbedingungen (wirtschaftliches Potential, Frequenzverfügbarkeit) der medienpolitische Spielraum gering ist.

  • 9. Frage: Auf Energy, in Facebook- und anderen Foren werden Sie wegen Ihres Entscheids derzeit heftig kritisiert und auch beleidigt. Verständnis?
    Antwort: Kein Verständnis habe ich für professionelle Journalisten, die gegen besseres Wissen unsere Entscheide auf persönliche und niederträchtige Motive zurückführen wollen. Wenn aber jugendliche Hörer solcherlei Personalisierung als Tatsache vorgesetzt bekommen, kann ich ihnen ihre Wut nicht verübeln.

  • 10. Frage: Werden Sie bei der nächsten Konzessionsvergabe in zehn Jahren noch Medienminister sein?
    Antwort: Ja, selbstverständlich.“

Soweit das verhinderte Interview. Es ist inhaltlich etwas „Zürich-lastig“, weswegen ich hier zu den Konzessionen noch Folgendes ergänzen will:

Die Vergabe der Konzessionen hat wie erwartet heftige Reaktionen ausgelöst – vor allem in Zürich und in Genf, wo mit Radio Energy und One FM zwei etablierte Lokalradios leer ausgingen. Sie hatten die vom Gesetz definierten Kriterien am wenigsten gut erfüllt und konnten in ihren Gesuchen nicht überzeugend aufzeigen, wie sie in Zukunft über politische, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Entwicklungen in ihrer Region berichten werden. Es ist dieses Kriterium, welches wir anzuwenden hatten, denn im Gesetz ist es ausdrücklich so vorgegeben. Ich verweise auf meine Ausführungen an der Medienkonferenz. Die meisten Journalisten haben die Vergabe denn auch als Resultat des aufwändigen und objektiven Verfahrens gewürdigt. Insbesondere war ich von der souveränen Reaktion des Tages-Anzeigers und des sehr direkt betroffenen Tele Züri beeindruckt. Einzig Blick am Abend, Blick und Sobli, die wie Radio Energy zu Ringier gehören, werteten die Vergabe wider besseres Wissen als persönlichen Rachefeldzug des Medienministers. Dabei kannten die Verlagsmanager die Spielregeln schon bei der Einreichung des Konzessionsgesuches ganz genau und haben sich auch darauf eingelassen. Es würde, zugegeben, etwas Mut brauchen, den Mitarbeitern zu erklären, weshalb man mit seinem Gesuch gegenüber allen anderen Mitbewerbern den Kürzeren gezogen hat. Wenn ich denke, wie oft ich mich schon ausdrücklich für die politische Berechtigung von Boulevardmedien ausgesprochen und dargelegt habe, dass es auch für sie Qualitätskriterien gibt, sind die Kolumnen der Blick- und Sobli-Chefredaktoren der durchsichtige Versuch einer klassischen Dolchstosslegende. Wie im Interview mit der SonntagsZeitung gesagt (aber nicht gedruckt), kann ich dagegen die Empörung der Hörer und insbesondere der Mitarbeiter, die sich mit ihrem Medium identifizieren und sich jeden Tag dafür einsetzen, unter diesen Umständen sehr gut verstehen.

Bis bald
Moritz Leuenberger



Finanzkrise und Alpkäse

[Version française Crise financière et fromage d’alpage]

Käse: Symbol für Löcher, Tunnel und Unsinn

Käse: Symbol für Löcher, Tunnel und Unsinn

Alle schreiben über die Finanzkrise und alle schreiben dasselbe. Regierungen haben „gehandelt“, d.h. im Klartext, sie haben Aktionen angekündigt, um zu beruhigen - und sie haben zuweilen wohl eher das Gegenteil erreicht. Der Bundesrat hat die Lage in der Schweiz auch beraten, jedoch kein Öl in das Feuer der Spekulationen gegossen und so auf indirekte Kassandrarufe verzichtet. Daraus schliesst die Kritikerschar messerscharf, dass der Bundesrat geschlafen hat. Alle schreiben es allen ab. Die FAZ zitiert die Weltwoche, betitelt die Schweiz als eine „skurrile Berginsel“; „niemand wolle die Krise bemerken“. Politiker und Politikerinnen lassen sich willig anstecken und blasen im Einklang ins gleiche Horn.

Da werden kaum Fakten recherchiert, sondern es wird skandalisiert. Einer schreibt dem andern ab und so entsteht ein allgemeines Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat. Das betrifft auch andere Bereiche:

Ein Satz der Tageschau vom letzten Mittwoch ist mir hängen geblieben. Der Satz wurde kunstvoll betont, nämlich: „Gute Nachrichten von der NEAT! Böse Zungen würden sagen, endlich wieder mal gute Nachrichten von der NEAT.“ Moment mal: Gab es denn schlechte Nachrichten über die NEAT? Der Hintergrund ist natürlich, dass die damaligen Gegner des Jahrhundertwerkes nicht müde werden, ständig von Kostenexplosionen zu lamentieren und viele Medien übernehmen das, ohne es zu hinterfragen.

Schauen wir aber die Entwicklung der NEAT an, stossen wir zwar auf politische Vorwürfe, überhaupt nicht auf schlechte Fakten:

Der Gotthard-Basistunnel, es wird der längste der Welt sein, ist bereits zu drei Vierteln durchbrochen. Bis jetzt sind über 100 Kilometer ausgebrochen, und auch beim Ceneri kommen die Bohrmaschinen voran. 2011 wird im Gotthard-Tunnel der letzte Durchstich erfolgen.

Es gibt kein Bauprojekt, das besser kontrolliert wird und transparenter ist als die Neat. Durch eine eigene parlamentarische Aufsichtsdelegation und halbjährliche Standberichte. In diesen Berichten ist nichts Gewichtiges beanstandet worden.

Dass Mehrkosten kaum zu vermeiden sind, wurde schon in der Abstimmung ausdrücklich gesagt und man wusste darüber von allem Anfang Bescheid. Vier Fünftel sind durch bewusste Verbesserungen und geologische Überraschungen entstanden.

Der Lötschbergtunnel, Bestandteil der NEAT, kostete sogar weniger als prognostiziert. Der Betrieb funktioniert reibungslos: Stark steigende Fahrgastfrequenzen zwischen Mittelland und Wallis, 30 Personenzüge pro Tag, dazu 80 Güterzüge. Mehrmals ist bei den Güterzügen schon die Kapazitätsgrenze von 105 pro Tag erreicht worden. Das lässt ahnen, was der Gotthard bringen wird.

All diese guten Nachrichten müssen skandalträchtigen Schlagzeilen weichen. Ich kann mich an die Prognosen zur Pioramulde erinnern. Damals standen sie sehr schlecht und waren gar ein Argument für die Netzvariante mit dem Lötschberg, weil befürchtet wurde, der Gotthardtunnel könne wegen der schwierigen Geologie gar nie gebaut werden. Eine Skandalmeldung über die Pioramulde jagte damals die andere. Einmal stand ich in einem Käseladen, in welchem Piorakäse in der Vitrine lag. Einer Dame, die das Schildchen las, entfuhr ein Schrei des Entsetzens: „Piora, wäääk!“ „Piora ist eine Alp im Gotthardgebiet“ klärte der Käseverkäufer auf. Die Dame: „Ah, ich dachte, das ist Gen oder Atom oder so.“ Aber sie wagte dennoch nicht, den Käse zu kaufen. Auch der Piorakäse ist ein armes Opfer des Skandaljournalismus’. Ich erkläre ihm hiemit offen meine Sympathie.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Solarlampenfieber

[Version française Blogcamp Switzerland 3.0]

aus: Der Neue Physiologus, Enzyklopaedie der Erfahrung...

aus Der Neue Physiologus, Enzyklopädie der Erfahrung...

Jede Massenkommunikation hat ihre Besonderheiten.

Das TV etwa bringt es mit sich, dass die Zuschauer das Gefühl haben, die Menschen, die sie am Bildschirm sahen, seien persönlich bei ihnen zuhause in der Stube gewesen. Die Folgen erlebe ich oft: Sie begrüssen mich, als ob wir alte Freunde wären und wundern sich, wenn ich sie gar nicht kenne. Ich selber reagiere im ersten Moment auch so, wenn ich Moderatoren und -innen antreffe: „Den oder die kenn ich doch.“ Dass ich ihn oder sie doch nicht so genau kenne, zeigt sich höchstens daran, dass mich die Körpergrösse irritiert. Ich habe sie mir viel kleiner oder viel grösser vorgestellt. Das TV zeigt ja nur den Kopf - der Rest ist Einbildung des Zuschauers.

Auch beim Radio ergeben sich falsche Vorstellungen. Wie oft hab ich schon geglaubt, einen bärenstarken Mann aus dem Lautsprecher zu hören, und als ich ihn dann leibhaftig kennen lernte, war es ein schmächtiges Bürschlein (und umgekehrt).

Trete ich an einer öffentlichen Veranstaltung auf, kann ich mir meistens gut vorstellen, was für Leute ich antreffen werde. Das ist verschieden je nach Ort, also ob es ein ländliches Gebiet oder eine städtische Agglomeration ist, welche Partei, welcher Verband zur Veranstaltung eingeladen hat und über welches Thema diskutiert wird.

Ganz anders aber ist es beim Blog. Ich kann mir die Bloggemeinde eigentlich überhaupt nicht vorstellen und wenn ich es doch versuche, so fürchte ich, mir auch da ein völlig falsches Bild zu machen. Einige Kommentatoren outen sich zwar mit vollem Namen. Andere aber verwenden Abkürzungen oder Fantasienamen. Ich weiss dann nicht mal, ist es eine Frau oder ein Mann?

Um dieser quälenden Ungewissheit eine Ende zu bereiten, folge ich der Einladung von campus 3 und krabble aus dem Sommerloch in den blogcamp. Ich nehme mir also nächsten Freitag etwas Zeit, um zu sehen, mit welcher Art Menschen ich denn eigentlich seit anderthalb Jahren kommuniziere.

Das bereitet mir zwar etwas Lampenfieber, doch ich kann mich trösten: da die meisten Kommentare auf meinem Blog sich mit alternativer Energie befassen, ist es wenigstens Solarlampenfieber.

Bis bald

Moritz Leuenberger


In eigener Sache (Bemerkungen zum Blog)

[Version française Quelques considérations sur le blog]

Der Blog ist nichts anderes als das Sääli im Leuen (Quelle: Flickr/digital_cat)

Der Blog ist nichts anderes als das Sääli im Leuen (Quelle: Flickr/digital_cat)


Liebe Bloggerinnen und Blogger,

Da Ihr von wissenschaftlichen Studien über unseren Blog auch ein wenig betroffen seid, will ich niemandem vorenthalten, wie ich mich kürzlich zu unserem Verhältnis äusserte und schalte daher einen Link auf das Interview, das die Forschungsstelle für Informationsrecht der Universität St. Gallen mit mir durchführte. Da das Schema dieses Interviews nicht alle meine Gedanken abdeckt und da einige Antworten wohl auch etwas erklärungsbedürftig sind, erlaube ich mir noch einige Ergänzungen:
  • Ich antworte, die Zahl der Besucher sei stets angewachsen. Konkret sieht das bis jetzt so aus
    • durchschnittlich 2780 Besucherinnen und Besucher pro Tag
    • wobei diese Besuche von Oktober 2007 bis Juni 2008 stets anstiegen (in den Sommerfeien werden sie dagegen wohl wieder zurückgehen, denn auch ein Blog kennt das Sommerloch)
    • 70 Beiträge
    • 5230 Kommentare
    • Über eine Million Besucher seit Juli 2007.
  • Ich brauche in den Antworten den Vergleich mit einer öffentlichen politischen Veranstaltung in einem Sääli. Ich möchte betonen, dass ich das nur als Grundsatzvergleich sehe, weil ich nämlich überzeugt bin, dass sich die Kommunikationsformen zwischen den Menschen nicht grundsätzlich ändern, sondern sich nur mit technologischen Neuerungen einerseits beschleunigen (die Zeit zwischen Mitteilung und Empfang hat sich auf Null reduziert) und andererseits potenzieren (die Zahl der möglichen Empfänger ist durch Satelliten und Internet nicht mehr geographisch beschränkt). Diese Umstände verändern natürlich die Kommunikationsteilnehmer, und deswegen sind Beiträge und Kommentare in einem Blog inhaltlich nicht einfach dasselbe wie Voten in einer öffentlichen politischen Versammlung. So wie die Besucher im Sääli, in dem eine Abstimmungsvorlage diskutiert wird, sich vorher im Bundesbüchlein oder in persönlichen Gesprächen vorbereiten, so hat sich eine Kommentatorin oder ein Kommentator über eine lange Zeit in anderen Blogs und im Internet informiert und sie geben Teile dieses Wissens preis. Es ist dieses Wissen, dass ich in den Kommentaren meines Blogs dann wieder finde, was ich immer wieder als eine persönliche Bereicherung lobe.
  • In diesem Sinne bin ich natürlich nicht ein typischer „Blogger“, weil ich nur selten andere Blogs besuche. Ich beschränke mich im Wesentlichen auf meinen eigenen Blog. (Würde ich das nicht, wären all die Fragen nach der Zeit, die ich dafür aufwende, noch bohrender).
  • Zu einer öffentlichen Veranstaltung im Sääli kann jedermann kommen. Gelegentlich tauchen dort Gruppen auf, die eine eigene Meinung, die mit dem angekündigten Thema vielleicht nicht oder nur am Rande zu tun hat, loswerden wollen. Das empfinde ich in unserem Blog ähnlich. Es haben sich bei uns immer dann andere Besucher mit einem anderen Stil von Kommentaren gemeldet, wenn ein Beitrag von mir in einem anderen Medium kommentiert und zu diesem Zwecke „zugespitzt“, um nicht zu sagen manipuliert wurde. Das war besonders deutlich beim Beitrag über die mir bezahlte Parkbusse und bei demjenigen über die Hollandfans. Diesen letzten Beitrag verstand ich als eine liebevolle Beobachtung der mir sehr sympathischen Niederländer, die zwar etwas gar laut waren. Aber sooo unglaublich hat mich das auch nicht gestört und ich glaube, ich habe das auch gar nicht geschrieben. Es folgten dann aber Zeitungsartikel mit der der Blogadresse in „20 Minuten“ unter dem Titel „Euromuffel Leuenberger“ und Blick gab ohne jede Grundlage noch eines drauf: „Leuenberger findet Holländer blöd“. So meldeten sich dann ganz andere Teilnehmer, die sonst nicht bei uns sind, und der Stil veränderte sich ja derart, dass einige von den regelmässigen Besuchern sich enttäuscht abwenden wollten. Wie ich jetzt aber erleichtert feststellen konnte, sind sie dennoch treu geblieben und ich freue mich darob.
  • Die Besucher meines Blogs und insbesondere die Aktiven, welche Kommentare schreiben, bilden dennoch nicht eine geschlossene Gemeinde. Ich sehe sehr wohl, dass sich andere zu Wort melden, wenn ich mich zu kulturellen Erlebnissen äussere als bei politischen im engeren Sinne. Bei kulturellen Ereignissen sind es dann durchschnittlich auch auffällig weniger Besucher als insbesondere bei umwelt- oder energiepolitischen Themen. Dort diskutieren die Besucher dann auch wirklich sehr engagiert untereinander.
Ich habe im Moment noch die Schlusswoche vor der „sitzungsfreien Zeit“ des Bundesrates. Alle Anfragen nach meinen Ferienplänen habe ich wahrheitsgemäss beantwortet und erklärt, dass ich noch nichts weiss. Das heisst, ich weiss auch nicht, wann und in welchen Abständen ich Beiträge im Blog schreibe. Sind es mehr als während der vollen Arbeitszeit oder sind es weniger? Ich lasse mich von mir selber überraschen.

Aber guten Gewissens kann ich dennoch sagen:

Bis bald

Moritz Leuenberger


Manipulation im Internet

[Version française Manipulation et Internet]

Rotkäppchen

Unversehens ist in den Kommentaren eine Diskussion über Manipulation durch die Internetmedien ausgebrochen. Dass Beiträge und Kommentare im Blog uns alle, also auch mich, in der Meinungsbildung beeinflussen, ist ja gewünscht. Sonst würde sich die Bedeutung des Blog darin erschöpfen, dass die Teilnehmer sich und ihre Ansichten nur gerade darstellen, um sich damit selber zu gefallen. Das wollen sie ja nicht, sondern sie wollen gelesen werden und bei den anderen Lesern eine Wirkung erzielen, in meinem Blog wohl vor allem eine politische Wirkung auslösen.

Tatsächlich liess ich mich schon oft von Kommentaren beeinflussen und eines anderen, hoffentlich Besseren, belehren. Gerade die Diskussion über die Vorbildfunktion eines Bundesrates hat mir zu denken gegeben. Aber auch andere Beiträge haben meine Argumentation bei öffentlichen Auftritten oder solchen im Parlament und im Bundesrat geprägt, nicht selten auch eigentlich meine Meinung geändert. Mein Buch über die Lüge und List ist ja auch ganz wesentlich von der Blog-Erfahrung geprägt und nimmt darauf Bezug. Und wenn der eine oder andere Beitrag von mir die Haltung eines Blogbesuchers oder einer –besucherin verändert haben sollte, so bin ich froh darüber, auch wenn ich weiss, dass diese Meinungsbildung keineswegs immer gerade so erfolgt, wie ich es mir wünschte. Zuweilen wird es wohl gerade das Gegenteil bewirken. Aber das ist ja nicht nur im Blog so, sondern überall dort, wo Menschen miteinander kommunizieren.

Allerdings bilden wir uns unsere Meinung nicht nur mit logischen Argumenten, die auf unseren Verstand wirken, sondern eben auch durch Gefühle. Das direkte Gespräch wirkt stärker und suggestiver als eine Diskussion im Blog. Die persönliche Ausstrahlung, die Gestik können sich besser entfalten. Deswegen arbeitet die Politik auf allen Ebenen immer auch mit Verführung. Verführung darf aber nicht mit Manipulation gleichgesetzt werden. Manipulation bringt jemanden zu einer Meinung, zu der er, wüsste er die volle Wahrheit, nicht gelangen würde. Verführung hat etwas Spielerisches und lässt dem Verführten durchaus die Freiheit, zu widerstehen. Nun ist es zweifellos so, wie in den letzten Kommentaren (vgl etwa den von Andres Stäuble) zu Recht geschrieben wird, dass manipulative Beiträge, die dem Wahrheitsgehalt keinerlei Bedeutung zumessen, im Internet leichter zu platzieren sind, als anderswo, und zwar hauptsächlich deswegen, weil auch eine anonyme Teilnahme möglich ist.

Es gibt Kommentare, die habe ich nicht aufgeschaltet, weil sie klare Lügen enthalten. Es würde mir gar nicht viel helfen, sie im Blog richtig zu stellen. Sie würden sich trotzdem weiter verbreiten. Mein Wikipedia-Eintrag kommt doch recht verzerrt daher, einfach deswegen, weil dort jeder und jede irgendetwas hineintippen kann, mit dem Ergebnis, dass eine durchaus manipulative Wirkung entstehen kann.

Solche Kommunikationsmechanismen hat es aber schon immer gegeben. Auch in einem Dorf kann die Gerüchteküche mit Unwahrheiten derart angeheizt werden, dass Bewohner oder Stimmbürgerinnen zu einer Meinung gelangen, die sie, wüssten sie die Wahrheit, nicht vertreten würden. In der Sache ist der Wahrheitsgehalt im Internet oder im Blog nicht anders, jedoch im quantitativen Ausmass, weil mehr Leute erreicht werden.
Auf den Blog möchte ich (vorläufig) aber dennoch nicht verzichten, weil ich dabei mit Menschen verkehren darf, zu denen ich sonst nie Zugang hätte, und sie auch nicht zu mir.

Ich blogge also noch ein Weilchen.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Unterhaltung am TV

[Version française Divertissement à la télévision]


Sehr geehrte BloggerInnen, BesucherInnen und KommentatorInnen

Immer noch kämpfe ich etwas mit der Gestaltung meines Blogs. Ich möchte ja gerne auf die vielen einzelnen Fragen antworten. Doch wenn ich das tue, gerät mein Beitrag zu einem einzigen Sammelsurium von Antworten. Ich überlege mir also eine eigene Rubrik, in der ich nur auf Fragen antworte und daneben würde ich dann jeweils meine neuen Beiträge entwerfen. Diese Antwortrubrik sollte demnächst aufgeschaltet werden.

Innerhalb einer einzigen Woche musste ich mich dreimal über die Qualität von Fernsehsendungen äussern, letzten Donnerstag in Luzern, sonntags in Lugano und am Dienstag in Bern. Alle drei Reden sind auf meiner homepage aufgeschaltet.

So zappe ich jetzt einmal von der globalen Erwärmung weg zu den neuen Unterhaltungssendungen des Schweizer Fernsehens:

In den letzten Wochen hat das Schweizer Fernsehen fünf neue Sendungen lanciert. In den Medien werden sie nach Strich und Faden zerrissen: Das neue Wissensmagazin „Einstein“ bringe zu kurze Beiträge, „Baschi national“ interessiere nur die Jungen, das Nachfolgemagazin von „Quer“ sei zu wenig quer, und überhaupt: Die Einschaltquoten der neuen Sendungen seien miserabel.

Sicher ist die Quote nicht das einzige und wichtigste Qualitätsmerkmal. Eine grosse Anzahl von Zuschauern bedeutet doch noch lange nicht, dass die Sendung auch gut ist. Sonst wäre der McDonald’s ja das beste Restaurant. Ich glaube, ein Programm, das ständig nur „ankommen“ und nie anecken will, läuft sich tot. Braucht es nicht auch neue Programme, eben vielleicht solche, die dann scheitern? Nur so können doch Sendungen entstehen, über die auch diskutiert und gestritten wird.

Wir sind ja auf Diskussionen und Auseinandersetzungen angewiesen, damit wir uns weiter entwickeln können. Und zu dieser Diskussion muss das Fernsehen auch beitragen. Natürlich nicht nur mit trockenen Informationssendungen, sondern auch mit unterhaltenden Sendungen wie es die neuen Produkte vor allem sind. Nichts gegen Unterhaltung. Wie Märchen werfen auch Soaps und Sitcoms Fragen auf, die unser Zusammenleben berühren: Liebe und Hass, Treue und Verrat, Feigheit und Mut etc. Und wie die Märchen können auch „Music Star“ oder „Deal or no Deal“ nicht nur Glücksgefühle auslösen, sondern auch zu Widerstand ermuntern. Die Zuschauer und Zuschauerinnen sind ja nicht Marionetten, sie haben eine eigene Meinung und verarbeiten die Sendungen kreativ und manchmal unberechenbar.

Fernsehen ist ein emotionales Medium und alle Sendungen wecken unsere Emotionen. Ich merke immer, wie hoch diese sind an den Diskussionen am Stammtisch - oder im Blog.

Bis bald

Moritz Leuenberger