[Version française Crise financière et fromage d’alpage]

Käse: Symbol für Löcher, Tunnel und Unsinn

Käse: Symbol für Löcher, Tunnel und Unsinn

Alle schreiben über die Finanzkrise und alle schreiben dasselbe. Regierungen haben „gehandelt“, d.h. im Klartext, sie haben Aktionen angekündigt, um zu beruhigen - und sie haben zuweilen wohl eher das Gegenteil erreicht. Der Bundesrat hat die Lage in der Schweiz auch beraten, jedoch kein Öl in das Feuer der Spekulationen gegossen und so auf indirekte Kassandrarufe verzichtet. Daraus schliesst die Kritikerschar messerscharf, dass der Bundesrat geschlafen hat. Alle schreiben es allen ab. Die FAZ zitiert die Weltwoche, betitelt die Schweiz als eine „skurrile Berginsel“; „niemand wolle die Krise bemerken“. Politiker und Politikerinnen lassen sich willig anstecken und blasen im Einklang ins gleiche Horn.

Da werden kaum Fakten recherchiert, sondern es wird skandalisiert. Einer schreibt dem andern ab und so entsteht ein allgemeines Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat. Das betrifft auch andere Bereiche:

Ein Satz der Tageschau vom letzten Mittwoch ist mir hängen geblieben. Der Satz wurde kunstvoll betont, nämlich: „Gute Nachrichten von der NEAT! Böse Zungen würden sagen, endlich wieder mal gute Nachrichten von der NEAT.“ Moment mal: Gab es denn schlechte Nachrichten über die NEAT? Der Hintergrund ist natürlich, dass die damaligen Gegner des Jahrhundertwerkes nicht müde werden, ständig von Kostenexplosionen zu lamentieren und viele Medien übernehmen das, ohne es zu hinterfragen.

Schauen wir aber die Entwicklung der NEAT an, stossen wir zwar auf politische Vorwürfe, überhaupt nicht auf schlechte Fakten:

Der Gotthard-Basistunnel, es wird der längste der Welt sein, ist bereits zu drei Vierteln durchbrochen. Bis jetzt sind über 100 Kilometer ausgebrochen, und auch beim Ceneri kommen die Bohrmaschinen voran. 2011 wird im Gotthard-Tunnel der letzte Durchstich erfolgen.

Es gibt kein Bauprojekt, das besser kontrolliert wird und transparenter ist als die Neat. Durch eine eigene parlamentarische Aufsichtsdelegation und halbjährliche Standberichte. In diesen Berichten ist nichts Gewichtiges beanstandet worden.

Dass Mehrkosten kaum zu vermeiden sind, wurde schon in der Abstimmung ausdrücklich gesagt und man wusste darüber von allem Anfang Bescheid. Vier Fünftel sind durch bewusste Verbesserungen und geologische Überraschungen entstanden.

Der Lötschbergtunnel, Bestandteil der NEAT, kostete sogar weniger als prognostiziert. Der Betrieb funktioniert reibungslos: Stark steigende Fahrgastfrequenzen zwischen Mittelland und Wallis, 30 Personenzüge pro Tag, dazu 80 Güterzüge. Mehrmals ist bei den Güterzügen schon die Kapazitätsgrenze von 105 pro Tag erreicht worden. Das lässt ahnen, was der Gotthard bringen wird.

All diese guten Nachrichten müssen skandalträchtigen Schlagzeilen weichen. Ich kann mich an die Prognosen zur Pioramulde erinnern. Damals standen sie sehr schlecht und waren gar ein Argument für die Netzvariante mit dem Lötschberg, weil befürchtet wurde, der Gotthardtunnel könne wegen der schwierigen Geologie gar nie gebaut werden. Eine Skandalmeldung über die Pioramulde jagte damals die andere. Einmal stand ich in einem Käseladen, in welchem Piorakäse in der Vitrine lag. Einer Dame, die das Schildchen las, entfuhr ein Schrei des Entsetzens: „Piora, wäääk!“ „Piora ist eine Alp im Gotthardgebiet“ klärte der Käseverkäufer auf. Die Dame: „Ah, ich dachte, das ist Gen oder Atom oder so.“ Aber sie wagte dennoch nicht, den Käse zu kaufen. Auch der Piorakäse ist ein armes Opfer des Skandaljournalismus’. Ich erkläre ihm hiemit offen meine Sympathie.

Bis bald

Moritz Leuenberger