Ostern

Ich verknüpfte Ostern je nach Lebensphase oder Beruf mit ebenso verschiedenen Begriffen:
- Als Kind dachte ich spontan an Ostereier und Osterhasen,
- als Jugendlicher an die Ostermärsche für den Frieden,
- während meiner Begeisterung für die italianità träumte ich von einer Osteria,
- seit ich Verkehrsminister bin, graut mir vor dem Osterstau
- und immer, ich gebe es zu, dachte ich auch an Osterferien.
Doch die Bedeutung von Ostern, wie sie mir mein Vater mit Geschichten und Erzählungen nahe brachte, verblieb eben doch als eine Grundüberzeugung, an der ich mich auch heute noch orientiere. Ostern war die hoffnungsvolle Auferstehung nach der Trauerstimmung am Karfreitag. Ostern bedeutet Hoffnung, die wir nach jedem Tief, nach jedem Schicksalsschlag schöpfen dürfen, den Ausblick, dass es, auch wenn wir noch so überzeugt sind, dass es keinen Ausweg mehr gebe, wissen sollen: Es kommt wieder Licht.
Diese Hoffnung wollen wir jetzt den Opfern des Erdebebens in Italien vermitteln. Sie, die sie vor dem Nichts stehen, sie, die sie alles in wenigen Sekunden verloren, ihre Angehörigen, ihre Häuser, ihre Zuversicht.
Dass die Erde jederzeit beben kann, verdrängten sie ebenso, wie viele das hier in der Schweiz ebenfalls tun. Als ich letzten Mittwoch den Beschluss des Bundesrates für eine Erdbebenvorsorge bekannt gab, war das natürlich Anlass für Spott. Praktisch im selben Moment, als die Erde in Italien bebte, spöttelten am Sonntag abend Giacobbo / Müller im TV über meinen Antrag. Heute prangern Journalisten missachtete Bauvorschriften und überhörte Erdbebenwarnungen an und Schweizer Zeitungen fragen, ob wir denn auch wirklich genügend gerüstet seien gegen Erdbeben.
Ich werfe niemandem etwas vor. Das ist ganz natürlich. Aufwendungen für Sicherheit werden belacht und bekämpft, weil sie etwas kosten. Nach einem Unfall oder einer Katastrophe ist das ganz anders, dann haben die Behörden und Politiker versagt.
Sicherheit heisst wörtlich ohne Sorge (sine cura). Damit wir aber ohne Sorge leben können, müssen wir zunächst vorsorgen: Hochwasserschutz, Erdbebenvorsorge, Sicherheitsvorschriften für Seilbahnen und Flugzeuge. Wenn wider Erwarten etwas geschehen sollte, müssen wir eine Antwort auf die Frage wissen: „Was habt ihr getan, um die Schäden zu vermeiden?“ Solche Antworten im Allgemeinen geben zu können, bedeutet die politische Ver-Antwortung.
Wir können vieles, aber wir können nicht alles. Trotz Erdbebenvorsorge kann es Erdbeben mit Tod und Zerstörung geben. Trotz Klimapolitik kann es Steinschlag und Überschwemmung geben. Dann gilt es, wie jetzt gegenüber den Opfern in Italien, Solidarität und Hilfe zu leisten Und ihnen zu sagen: Es gibt immer Hoffnung, das Leben kann wieder gut werden.
Ich wünsche besinnliche Ostern.
Bis bald
Moritz Leuenberger










