[Version française Réflexe antigrégaire]

Die Symptome zeigten sich erstmals wieder bei Gottschalk. Zwischen den Reden (die meinige ist auf meiner homepage aufgeschaltet unter dem Titel „Ein Gott, ein Schalk und die heilige Quote“) spielte eine kleine Jazzgruppe und animierte das Publikum zu rhythmischem Mitklatschen, was denn ein Grossteil desselbigen auch willig tat. Ich konnte nicht.

Meine Krankheit nahm ihren weit heftigeren Fortgang bei Gilberto Gil, dem brasilianischen Kultusminister und Sänger, als dieser im Hof des Landesmuseums auftrat. Gil sang dem Publikum jeweils einen Takt von zwei bis drei Tonfolgen vor und das Publikum echote sie fröhlich zurück, erstaunlich präzis und melodiös für eine so grosse Masse, wie ich ausdrücklich festhalten möchte. Das steigerte sich zu immer schnelleren und lauteren Sequenzen (Gil wendet sein Ohr ins Publikum: „Ich höre Euch nicht, lauter!“, und das Echo wird tatsächlich immer stärker). Es folgt rhythmisches Klatschen. Reihenweise erhebt sich das Publikum. Die Welle erfasst die VIP-Bänke. Amtsdirektoren, Ständeratskandidaten, Nationalrätinnen (aller Parteifarben) Handelskammervorsteher samt ihren Gattinnen und Schwestern wogten gemeinsam mit Gil und skandierten portugiesische Texte, die ich jedenfalls nicht verstand und wohl ein grosser Teil des Publikums auch nicht. Da Gilberto Gil sich ja für die Menschenrechte und auch für eine ökologische Umweltpolitik einsetzt, dürfte es dieser Text sicher verdient haben, von Tausenden Kehlen inbrünstig in den Himmel Zürichs gestossen worden zu sein.

Und doch blieb ich sitzen. Es meldete sich meine Krankheit zurück, ein Relikt aus meiner frühesten Jugend. Mein allererster Leserbrief im Alter von 12 oder 13 Jahren verfasst und von mir in Schulklassen oft als meine erste politische Aktion bezeichnet, beschrieb meinen Aberwillen gegen eine Evangelisationsveranstaltung von Billy Graham in Basel. Wie leicht lassen sich Menschen zu Texten oder Stimmungen zunächst verführen und dann auch manipulieren, wo dann nicht immer nur für Menschenrechte und gegen den CO2-Ausstoss die Rede ist, sondern vom Gegenteil, von Rassismus oder Menschenverachtung. Nein, das war bei Gilberto Gil ganz und gar nicht der Fall. Alle waren fröhlich und wussten, wofür sie mitschwangen, stampften und skandierten, nämlich gegen das Abholzen der Wälder in Brasilien und für die Rechte der Ureinwohner; das muss so gewesen sein.

Aber meine Krankheit bleibt. Ich kann nicht auf Befehl lachen und klatschen, was mir schon oft böse Kommentare über mein mürrisches und sauertöpfisches Erscheinen in der Öffentlichkeit bescherte. Ich möchte mich dafür entschuldigen, ich habe einen Virus gegen Massenpsychose in mir, einen Antischunkelreflex. Sorry.

Bis bald
Moritz Leuenberger