Gute Unterhaltung

[Version française: Bon divertissement]

Trudi Gerster
Foto: Persönliches Archiv Trudi Gerster

Heute verneige ich mich vor einer Königin der Unterhaltung.

Ich tue es umso lieber, als mir ja immer wieder vorgeworfen wird, grundsätzlich ein Unterhaltungsmuffel zu sein. Das ist aber ein Kurzschluss. Nur deswegen, weil ich mit einzelnen Sendungen nichts anfangen kann oder weil ich einzelne Moderatoren schlicht als schlicht empfinde, habe ich nichts gegen Unterhaltung als solche. Im Gegenteil. Ich liebe sie und ich habe das immer wieder öffentlich bekennt (zum Beispiel in meiner Hommage an Gottschalk).

Doch Gottschalk verblasst und verstummt gegen sie, die Königin der Unterhaltung.

Seit weit über einem halben Jahrhundert dringt ihre märchenhafte Stimme in die Kinder-, Eltern- und Bundesratszimmer unseres Landes und erfüllt sie mit wundersamen Begebenheiten aus der Welt der sprechenden Tiere, Zauberer, Hexen und Drachen.

Sie hat königlichen Fröschen und gestiefelten Katern unverwechselbar Leben eingehaucht. Damit hat sie nicht nur meine Phantasie angeregt, sondern die der ganzen Schweiz.

Dank ihr weiss ich, dass nicht Manager, Generäle oder die sieben Bundesräte das eigentliche Rückgrat unseres Landes sind, sondern Zwerge, Riesen, Drachen und freche Kobolde…und, zugegeben, manchmal träumt mir auch von Parallelen.

Märchen sind die Ur-Unterhaltung, sie sind die kulturelle Infrastruktur jeder Gesellschaft. Sie geben von einer Generation zur nächsten Werte darüber weiter, was gut und was böse ist.

Mit ihrer Kunst hat sie Generationen von Kindern, Eltern und Grosseltern verzaubert und geprägt. Wir alle wissen: Sie ist und bleibt die schönste und grösste Märchenkönigin im ganzen Land.

Dafür habe ich Trudi Gerster vergangene Woche in einem Brief gedankt und ihr von Herzen alles Gute zum 90. Geburtstag gewünscht.


Hugo Loetscher wirkt weiter

[Version française: Hugo Loetscher est mort, mais pas son œuvre]

Hugo Loetscher © Sabine Dreher
Bild: © Sabine Dreher

„Hugo Loetscher tot.“ So prangen die Überschriften in fast allen Blättern, nicht nur in den Boulevard- oder Gratiszeitungen. Mich stört diese Mitteilungsart über den Hinschied eines Menschen schon lange. Früher lauteten die entsprechenden Meldungen „XY ist gestorben“. Das „Sterben“ bezeichnet doch den Übergang vom Leben zum Tod, auf mich wirkt es besinnlicher und weniger kalt als dieses endgültige „ist tot“.
Bei Hugo Loetscher stolpere ich wieder über diese harte Formulierung. Bei ihm vielleicht ganz besonders, nicht nur, weil er uns fehlen wird, sondern weil ich überzeugt bin, dass er ein Werk schuf, das noch lange leben wird.
Erinnerungen kommen mir hoch und ich habe heute Morgen nachgelesen, was ich damals zu seinem 70. Geburtstag sagte: „Die Gesellschaft, von der ich träume“. Damals sagte ich unter anderem:

***

„Ich träume gelegentlich davon, in einer Gesellschaft zu leben, in der es keine Röstigraben gibt zwischen Kultur, Politik und Intelligenz, davon, dass sich alle für Politik interessieren. Ich träume davon, dass sich Kulturschaffende für die Schweiz interessieren und sich nicht in die Welt flüchten, weil die Schweiz ihnen zu eng sei. Ich träume aber auch davon, dass sich Kulturschaffende für die Welt interessieren, die Welt in die Schweiz holen und sich nicht in eine Innenwelt flüchten. Denn ich träume von einer Schweiz, welche die Globalisierung nicht als eine Bedrohung empfindet, sondern als kulturelle und als politische Aufgabe begreift. Ich träume davon, dass diese Verantwortung nicht bloss als eine Last empfunden wird, sondern dass sie Lebensfreude bedeute. Und ich träume davon, dass Freude und Humor Bestandteil all unserer Aktivitäten sind.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir diesen Traum bis jetzt doch eher als Utopie. Wenn ich diesen Traum einer engagierten Gesellschaft dennoch weiter träume, sind Menschen wie Hugo Loetscher schuld daran.

Hugo Loetscher denkt, empfindet und handelt gesamthaft, verflochten. Er ist Allgemeinpraktiker, ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk gewissermassen, und entsagt der Atomisierung gesellschaftlichen Denkens.



Eine Frage, die Hugo Loetscher offenbar häufig beantworten muss: „Sind Sie nun eigentlich Schriftsteller oder Journalist?“ Wo sich andere über diese Art von Fragen nerven, bringt sich Hugo Loetscher fröhlich und analysierend ein, entlarvt die Frage als elitäre Katalogisiererei.

Zu den Kategorien Schriftsteller und Journalist kämen für Hugo Loetscher ja noch weitere dazu: Politiker, Historiker, Städter, Botschafter. Das Überschreiten von Grenzen ist seine Lebenslust. Er verkörpert als Kosmopolit, was vielen suspekt ist: dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.

Hugo Loetscher ist Botschafter der Literaturschaffenden aus anderen Kulturkreisen, aus Südamerika, aus Indien, Botschafter für das bessere Verständnis anderer politischer Systeme und Gesellschaften.

Wenn ich immer wieder sage, Kultur sei die wichtigste Infrastruktur einer Gesellschaft, dann meine ich dies, was Hugo Leoetscher leistet:
Kulturförderung besteht vor allem darin, die Fähigkeit des Interessierten zu fördern und zu schärfen, nämlich zu lernen, Kultur zu erfahren. Dies kann nicht in der Residenz des dichterischen Olymps bewirkt werden, sondern nur durch den Gang zu uns, durch die Liebe zu uns und mit dem Willen, zu uns zu gehören, mit uns zu sprechen, sich um unsere täglichen Kleinigkeiten ebenfalls zu kümmern, auch sie zu beschreiben, literarisch zu fassen, uns auf diese Weise abzuholen und uns damit neue Fenster auf andere Strassen und Gärten des Lebens zu öffnen. Das ist Kulturförderung, das ist die Arbeit in und an einer Gesellschaft, in der jede und jeder mitverantwortlich sein will. Das ist die Gesellschaft, von der ich manchmal träume.

Für diesen Traum wirkt Hugo Loetscher ein Leben lang, er kommt zu allen, auch zu uns.“


***

Hugo Loetscher wird nicht mehr zu uns kommen – aber er wird bei uns bleiben mit seinen literarischen und politischen Werken. Loetscher liess eine seiner Figuren sagen: einem verstorbenen Mädchen „ein Leben andichten und dann ist sie ein bisschen weniger tot“. Solche Sätze lösen etwas aus in uns, sie bleiben, sie leben. Daher hätte ich Gedanken wie jene zu seinem 70. Geburtstag auch zu seinem 80. oder 100. Geburtstag formulieren können, und ich wiederhole sie deshalb auch jetzt und später, wenn ich sein neuestes Buch gelesen haben werde.
In diesem Sinne ist Hugo Loetscher zwar gestorben, aber tot ist er nicht. Sein Leben, sein Engagement, sein Schaffen wird weiter wirken in der Schweiz, in der Welt, in uns.

Bis bald
Moritz Leuenberger


Dem Ohrwurm in die Augen blicken

[Version française La lune, pas l’orange]

Der Mond in einer Falschfarbenaufnahme der NASA

Der Mond? Oder eine Orange? (Foto NASA)

Danke, danke, danke! Mein entlaufener Ohrwurm wurde wieder gefunden, in Kommentaren zurückgebracht und ich kann ihm endlich wieder in die Augen blicken und was sehe ich? Er schielt. Oder ich begann während der langen Erinnerungszeit zu schielen und sehe erst jetzt klar. Ich frage mich, wie ich jahrelang „la lune“ mit „une orange“ verwechseln konnte. Vielleicht gibt es ein Gedicht, das den Mond mit einer überreifen Orange vergleicht? Vielleicht der rote Mond von Alabama in der Dreigroschenoper, in dem ja auch vom rohen Jonny die Rede ist: „Olabama Barak, warum bist du so stark?“. Nein, ich höre sofort auf, sonst verfestigt sich bei mir auch dieser Kalauer zur Überzeugung. Einbildung kann sich ja tatsächlich zur absoluten subjektiven Gewissheit verhärten. Anders ist es ja nicht möglich, dass ein und dasselbe von verschiedenen Menschen völlig verschieden gesehen wird. Das ist nicht nur im Fussball so und bei Zeugenaussagen vor Gericht, sondern auch in der Tages- und Weltpolitik. Ich glaube, mich an eine Stelle bei Gottfried Keller zu erinnern (grüner Heinrich?), wo sich ein Knabe einredet, sexuell belästigt worden zu sein und schliesslich einen unschuldigen Mann anklagt. Menschen glauben an ihre eigenen Wahrheiten.

Nun knistert also die Vorfreude in mir, um den alten Ohrwurm, für den ich in meiner Jugend schwärmte, wieder zu hören, obwohl mir Pascal Couchepin kürzlich eine alte Indianerweisheit erzählte: „Kehre nicht zum Feuer zurück; es könnte Asche sein.“ Mal hören.

Mein Versprechen gegenüber denjenigen, die mir auf die Sprünge halfen, löse ich gerne ein.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Blog, Politik, Literatur

[Version française Blog, politique et littérature]

Peter Stamm (Foto: Matthieu Bourgois, Paris)

Peter Stamm (Foto: Matthieu Bourgois, Paris)

Schon nur die Ankündigung meines Besuches bei den Solothurner Literaturtagen liess wieder Vorurteile aufblitzen. Die NZZ am Sonntag spie schon mal vor dem Auftritt Gift und Galle. (Man hat mir dann gesagt, dass sich der betreffende Journalist auch schon als literarischer Autor versucht habe …) Dann fragten mich auf der Hinreise wieder Leute, woher ich denn die Zeit nehme, um ein Buch zu schreiben…. Das ist die bei uns in der deutschsprachigen Schweiz immer wieder aufkeimende Vorstellung, was denn die Arbeit eines Bundesrates sei: Dossiers studieren, keinen Blog führen, keine Bücher lesen und schon gar keine – wohl bemerkt politischen! – Bücher schreiben. Bundesräte auf Bergtouren und an Fussballmatchs provozieren jedoch niemanden zu Fragen.

Doch es gibt ja auch andere Erwartungen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass 700 Menschen zur Diskussion mit Peter Stamm in den Saal des Landhauses in Solothurn drängten. Da in dieser Diskussion auch der Blog mehrmals angesprochen wurde und das Verhältnis zwischen Literatur und Politik im Allgemeinen erörtert wurde, gebe ich allen Bloggern und Bloggerinnen gerne die Gelegenheit, das von Radio DRS aufgezeichnete Gespräch abzuhören. Und ich möchte nicht nur für mein eigenes Buch etwas Reklame machen, sondern ganz ausdrücklich für Peter Stamms „Wir fliegen“. Wie es mich meinerseits beflügelte, können Sie hier hören:

Gespräch

Bis bald

Moritz Leuenberger


Filmfestival Locarno

[Version française Festival du film de Locarno]

Mit geblähter Blogerbrust ob der Auszeichnung für den Juliblog von Claude Lonchamp auf www.stadtwanderer.net/blog besuche ich nach Palagnedra das Filmfestival Locarno, allerdings nicht dessen zahlreiche Sponsoren- und Politanlässe, sondern nur die allabendlichen Vorführungen auf der Piazza. Vor der Aufführung eines Filmes präsentieren sich in der Regel noch kurz der Regisseur oder einzelne Schauspieler und ich kann nie recht verstehen, warum sie sich auf diesen Auftritt vor immerhin etwa siebentausend Zuschauern nicht vorbereiten, sondern immer die gleichen Sätzlein stammeln, wie „it’s great to be here.“ Die Leistungen in den anschliessenden Filmen sind glücklicherweise etwas professioneller, wie zum Beispiel „J’ai toujours rêvé d'être un gangster“ (Samuel Benchetrit, 2006), wo dem Regisseur, obwohl er vor dem Piazzapublikum eigentlich nichts zu sagen wusste, wundeschöne Dialoge in einzelnen Handlungssträngen gelingen, die sich je mit liebenswürdigen Kleinkriminellen befassen, und alle an einem Ort, einer Autobahnraststätte zusammenfinden, allerdings ohne dass sie dort noch weiter inhaltlich zusammengeknüpft würden.

Mühe machte mir hingegen „Death at a funeral“ (Frank Oz, 2007), wo unter anderem ein körperlich Behinderter ein Homosexueller und ein ganz böser Erpresser ist, so dass er unter dem Piazzagelächter geknebelt, mit Psychopharmaka überdosiert und schliesslich in einen Sarg gestopft werden darf (sorry, jetzt hab ich das lustigste verraten, aber das ist ganz im Sinne des Filmes, denn es werden alle Spässe dreimal angekündigt, zweimal wiederholt und dann noch einmal erklärt).

Auch „Le voyage du ballon rouge“ (Hou Hsiao-Hsien 2007) erklärt sich mit dem durch Paris schwebenden Ballon beinahe etwas zu deutlich, denn die Atmosphäre um ein Kind und seine alleinerziehende Mutter, die ihm allen finanziellen und nachbarlichen Schwierigkeiten zum Trotz eine Ausbildung und ein Zuhause in der Kleinwohnung bieten will, wird eindrücklich genug geschildert, wenn auch auf jede Spannung steigernde Dramaturgie verzichtet wird, was zumindest etwas gewöhnungsbedürftig und also mit dem einen oder anderen Gähnen quittiert wurde.

Doch all die Filme kommen ja bald in die Kinos und Sie können sich selber eine Meinung bilden.

Bis demnächst in diesem blog.

Moritz Leuenberger


Vom Antischunkelreflex

[Version française Réflexe antigrégaire]

Die Symptome zeigten sich erstmals wieder bei Gottschalk. Zwischen den Reden (die meinige ist auf meiner homepage aufgeschaltet unter dem Titel „Ein Gott, ein Schalk und die heilige Quote“) spielte eine kleine Jazzgruppe und animierte das Publikum zu rhythmischem Mitklatschen, was denn ein Grossteil desselbigen auch willig tat. Ich konnte nicht.

Meine Krankheit nahm ihren weit heftigeren Fortgang bei Gilberto Gil, dem brasilianischen Kultusminister und Sänger, als dieser im Hof des Landesmuseums auftrat. Gil sang dem Publikum jeweils einen Takt von zwei bis drei Tonfolgen vor und das Publikum echote sie fröhlich zurück, erstaunlich präzis und melodiös für eine so grosse Masse, wie ich ausdrücklich festhalten möchte. Das steigerte sich zu immer schnelleren und lauteren Sequenzen (Gil wendet sein Ohr ins Publikum: „Ich höre Euch nicht, lauter!“, und das Echo wird tatsächlich immer stärker). Es folgt rhythmisches Klatschen. Reihenweise erhebt sich das Publikum. Die Welle erfasst die VIP-Bänke. Amtsdirektoren, Ständeratskandidaten, Nationalrätinnen (aller Parteifarben) Handelskammervorsteher samt ihren Gattinnen und Schwestern wogten gemeinsam mit Gil und skandierten portugiesische Texte, die ich jedenfalls nicht verstand und wohl ein grosser Teil des Publikums auch nicht. Da Gilberto Gil sich ja für die Menschenrechte und auch für eine ökologische Umweltpolitik einsetzt, dürfte es dieser Text sicher verdient haben, von Tausenden Kehlen inbrünstig in den Himmel Zürichs gestossen worden zu sein.

Und doch blieb ich sitzen. Es meldete sich meine Krankheit zurück, ein Relikt aus meiner frühesten Jugend. Mein allererster Leserbrief im Alter von 12 oder 13 Jahren verfasst und von mir in Schulklassen oft als meine erste politische Aktion bezeichnet, beschrieb meinen Aberwillen gegen eine Evangelisationsveranstaltung von Billy Graham in Basel. Wie leicht lassen sich Menschen zu Texten oder Stimmungen zunächst verführen und dann auch manipulieren, wo dann nicht immer nur für Menschenrechte und gegen den CO2-Ausstoss die Rede ist, sondern vom Gegenteil, von Rassismus oder Menschenverachtung. Nein, das war bei Gilberto Gil ganz und gar nicht der Fall. Alle waren fröhlich und wussten, wofür sie mitschwangen, stampften und skandierten, nämlich gegen das Abholzen der Wälder in Brasilien und für die Rechte der Ureinwohner; das muss so gewesen sein.

Aber meine Krankheit bleibt. Ich kann nicht auf Befehl lachen und klatschen, was mir schon oft böse Kommentare über mein mürrisches und sauertöpfisches Erscheinen in der Öffentlichkeit bescherte. Ich möchte mich dafür entschuldigen, ich habe einen Virus gegen Massenpsychose in mir, einen Antischunkelreflex. Sorry.

Bis bald
Moritz Leuenberger