[Version française: Hugo Loetscher est mort, mais pas son œuvre]

Hugo Loetscher © Sabine Dreher
Bild: © Sabine Dreher

„Hugo Loetscher tot.“ So prangen die Überschriften in fast allen Blättern, nicht nur in den Boulevard- oder Gratiszeitungen. Mich stört diese Mitteilungsart über den Hinschied eines Menschen schon lange. Früher lauteten die entsprechenden Meldungen „XY ist gestorben“. Das „Sterben“ bezeichnet doch den Übergang vom Leben zum Tod, auf mich wirkt es besinnlicher und weniger kalt als dieses endgültige „ist tot“.
Bei Hugo Loetscher stolpere ich wieder über diese harte Formulierung. Bei ihm vielleicht ganz besonders, nicht nur, weil er uns fehlen wird, sondern weil ich überzeugt bin, dass er ein Werk schuf, das noch lange leben wird.
Erinnerungen kommen mir hoch und ich habe heute Morgen nachgelesen, was ich damals zu seinem 70. Geburtstag sagte: „Die Gesellschaft, von der ich träume“. Damals sagte ich unter anderem:

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„Ich träume gelegentlich davon, in einer Gesellschaft zu leben, in der es keine Röstigraben gibt zwischen Kultur, Politik und Intelligenz, davon, dass sich alle für Politik interessieren. Ich träume davon, dass sich Kulturschaffende für die Schweiz interessieren und sich nicht in die Welt flüchten, weil die Schweiz ihnen zu eng sei. Ich träume aber auch davon, dass sich Kulturschaffende für die Welt interessieren, die Welt in die Schweiz holen und sich nicht in eine Innenwelt flüchten. Denn ich träume von einer Schweiz, welche die Globalisierung nicht als eine Bedrohung empfindet, sondern als kulturelle und als politische Aufgabe begreift. Ich träume davon, dass diese Verantwortung nicht bloss als eine Last empfunden wird, sondern dass sie Lebensfreude bedeute. Und ich träume davon, dass Freude und Humor Bestandteil all unserer Aktivitäten sind.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir diesen Traum bis jetzt doch eher als Utopie. Wenn ich diesen Traum einer engagierten Gesellschaft dennoch weiter träume, sind Menschen wie Hugo Loetscher schuld daran.

Hugo Loetscher denkt, empfindet und handelt gesamthaft, verflochten. Er ist Allgemeinpraktiker, ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk gewissermassen, und entsagt der Atomisierung gesellschaftlichen Denkens.



Eine Frage, die Hugo Loetscher offenbar häufig beantworten muss: „Sind Sie nun eigentlich Schriftsteller oder Journalist?“ Wo sich andere über diese Art von Fragen nerven, bringt sich Hugo Loetscher fröhlich und analysierend ein, entlarvt die Frage als elitäre Katalogisiererei.

Zu den Kategorien Schriftsteller und Journalist kämen für Hugo Loetscher ja noch weitere dazu: Politiker, Historiker, Städter, Botschafter. Das Überschreiten von Grenzen ist seine Lebenslust. Er verkörpert als Kosmopolit, was vielen suspekt ist: dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.

Hugo Loetscher ist Botschafter der Literaturschaffenden aus anderen Kulturkreisen, aus Südamerika, aus Indien, Botschafter für das bessere Verständnis anderer politischer Systeme und Gesellschaften.

Wenn ich immer wieder sage, Kultur sei die wichtigste Infrastruktur einer Gesellschaft, dann meine ich dies, was Hugo Leoetscher leistet:
Kulturförderung besteht vor allem darin, die Fähigkeit des Interessierten zu fördern und zu schärfen, nämlich zu lernen, Kultur zu erfahren. Dies kann nicht in der Residenz des dichterischen Olymps bewirkt werden, sondern nur durch den Gang zu uns, durch die Liebe zu uns und mit dem Willen, zu uns zu gehören, mit uns zu sprechen, sich um unsere täglichen Kleinigkeiten ebenfalls zu kümmern, auch sie zu beschreiben, literarisch zu fassen, uns auf diese Weise abzuholen und uns damit neue Fenster auf andere Strassen und Gärten des Lebens zu öffnen. Das ist Kulturförderung, das ist die Arbeit in und an einer Gesellschaft, in der jede und jeder mitverantwortlich sein will. Das ist die Gesellschaft, von der ich manchmal träume.

Für diesen Traum wirkt Hugo Loetscher ein Leben lang, er kommt zu allen, auch zu uns.“


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Hugo Loetscher wird nicht mehr zu uns kommen – aber er wird bei uns bleiben mit seinen literarischen und politischen Werken. Loetscher liess eine seiner Figuren sagen: einem verstorbenen Mädchen „ein Leben andichten und dann ist sie ein bisschen weniger tot“. Solche Sätze lösen etwas aus in uns, sie bleiben, sie leben. Daher hätte ich Gedanken wie jene zu seinem 70. Geburtstag auch zu seinem 80. oder 100. Geburtstag formulieren können, und ich wiederhole sie deshalb auch jetzt und später, wenn ich sein neuestes Buch gelesen haben werde.
In diesem Sinne ist Hugo Loetscher zwar gestorben, aber tot ist er nicht. Sein Leben, sein Engagement, sein Schaffen wird weiter wirken in der Schweiz, in der Welt, in uns.

Bis bald
Moritz Leuenberger