Hugo Loetscher wirkt weiter
[Version française: Hugo Loetscher est mort, mais pas son œuvre]

Bild: © Sabine Dreher
„Hugo Loetscher tot.“ So prangen die Überschriften in fast allen Blättern, nicht nur in den Boulevard- oder Gratiszeitungen. Mich stört diese Mitteilungsart über den Hinschied eines Menschen schon lange. Früher lauteten die entsprechenden Meldungen „XY ist gestorben“. Das „Sterben“ bezeichnet doch den Übergang vom Leben zum Tod, auf mich wirkt es besinnlicher und weniger kalt als dieses endgültige „ist tot“.
Bei Hugo Loetscher stolpere ich wieder über diese harte Formulierung. Bei ihm vielleicht ganz besonders, nicht nur, weil er uns fehlen wird, sondern weil ich überzeugt bin, dass er ein Werk schuf, das noch lange leben wird.
Erinnerungen kommen mir hoch und ich habe heute Morgen nachgelesen, was ich damals zu seinem 70. Geburtstag sagte: „Die Gesellschaft, von der ich träume“. Damals sagte ich unter anderem:
***
„Ich träume gelegentlich davon, in einer Gesellschaft zu leben, in der es keine Röstigraben gibt zwischen Kultur, Politik und Intelligenz, davon, dass sich alle für Politik interessieren. Ich träume davon, dass sich Kulturschaffende für die Schweiz interessieren und sich nicht in die Welt flüchten, weil die Schweiz ihnen zu eng sei. Ich träume aber auch davon, dass sich Kulturschaffende für die Welt interessieren, die Welt in die Schweiz holen und sich nicht in eine Innenwelt flüchten. Denn ich träume von einer Schweiz, welche die Globalisierung nicht als eine Bedrohung empfindet, sondern als kulturelle und als politische Aufgabe begreift. Ich träume davon, dass diese Verantwortung nicht bloss als eine Last empfunden wird, sondern dass sie Lebensfreude bedeute. Und ich träume davon, dass Freude und Humor Bestandteil all unserer Aktivitäten sind.
Meine persönliche Erfahrung zeigt mir diesen Traum bis jetzt doch eher als Utopie. Wenn ich diesen Traum einer engagierten Gesellschaft dennoch weiter träume, sind Menschen wie Hugo Loetscher schuld daran.
Hugo Loetscher denkt, empfindet und handelt gesamthaft, verflochten. Er ist Allgemeinpraktiker, ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk gewissermassen, und entsagt der Atomisierung gesellschaftlichen Denkens.
…
Eine Frage, die Hugo Loetscher offenbar häufig beantworten muss: „Sind Sie nun eigentlich Schriftsteller oder Journalist?“ Wo sich andere über diese Art von Fragen nerven, bringt sich Hugo Loetscher fröhlich und analysierend ein, entlarvt die Frage als elitäre Katalogisiererei.
Zu den Kategorien Schriftsteller und Journalist kämen für Hugo Loetscher ja noch weitere dazu: Politiker, Historiker, Städter, Botschafter. Das Überschreiten von Grenzen ist seine Lebenslust. Er verkörpert als Kosmopolit, was vielen suspekt ist: dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.
Hugo Loetscher ist Botschafter der Literaturschaffenden aus anderen Kulturkreisen, aus Südamerika, aus Indien, Botschafter für das bessere Verständnis anderer politischer Systeme und Gesellschaften.
Wenn ich immer wieder sage, Kultur sei die wichtigste Infrastruktur einer Gesellschaft, dann meine ich dies, was Hugo Leoetscher leistet:
Kulturförderung besteht vor allem darin, die Fähigkeit des Interessierten zu fördern und zu schärfen, nämlich zu lernen, Kultur zu erfahren. Dies kann nicht in der Residenz des dichterischen Olymps bewirkt werden, sondern nur durch den Gang zu uns, durch die Liebe zu uns und mit dem Willen, zu uns zu gehören, mit uns zu sprechen, sich um unsere täglichen Kleinigkeiten ebenfalls zu kümmern, auch sie zu beschreiben, literarisch zu fassen, uns auf diese Weise abzuholen und uns damit neue Fenster auf andere Strassen und Gärten des Lebens zu öffnen. Das ist Kulturförderung, das ist die Arbeit in und an einer Gesellschaft, in der jede und jeder mitverantwortlich sein will. Das ist die Gesellschaft, von der ich manchmal träume.
Für diesen Traum wirkt Hugo Loetscher ein Leben lang, er kommt zu allen, auch zu uns.“
***
Hugo Loetscher wird nicht mehr zu uns kommen – aber er wird bei uns bleiben mit seinen literarischen und politischen Werken. Loetscher liess eine seiner Figuren sagen: einem verstorbenen Mädchen „ein Leben andichten und dann ist sie ein bisschen weniger tot“. Solche Sätze lösen etwas aus in uns, sie bleiben, sie leben. Daher hätte ich Gedanken wie jene zu seinem 70. Geburtstag auch zu seinem 80. oder 100. Geburtstag formulieren können, und ich wiederhole sie deshalb auch jetzt und später, wenn ich sein neuestes Buch gelesen haben werde.
In diesem Sinne ist Hugo Loetscher zwar gestorben, aber tot ist er nicht. Sein Leben, sein Engagement, sein Schaffen wird weiter wirken in der Schweiz, in der Welt, in uns.
Bis bald
Moritz Leuenberger

„Hugo Loetscher tot.“ So prangen die Überschriften in fast allen Blättern, nicht nur in den Boulevard- oder Gratiszeitungen. Mich stört diese Mitteilungsart über den Hinschied eines Menschen schon lange. Früher lauteten die entsprechenden Meldungen „XY ist gestorben“. Das „Sterben“ bezeichnet doch den Übergang vom Leben zum Tod, auf mich wirkt es besinnlicher und weniger kalt als dieses endgültige „ist tot“.
Bei Hugo Loetscher stolpere ich wieder über diese harte Formulierung. Bei ihm vielleicht ganz besonders, nicht nur, weil er uns fehlen wird, sondern weil ich überzeugt bin, dass er ein Werk schuf, das noch lange leben wird.
Erinnerungen kommen mir hoch und ich habe heute Morgen nachgelesen, was ich damals zu seinem 70. Geburtstag sagte: „Die Gesellschaft, von der ich träume“. Damals sagte ich unter anderem:
„Ich träume gelegentlich davon, in einer Gesellschaft zu leben, in der es keine Röstigraben gibt zwischen Kultur, Politik und Intelligenz, davon, dass sich alle für Politik interessieren. Ich träume davon, dass sich Kulturschaffende für die Schweiz interessieren und sich nicht in die Welt flüchten, weil die Schweiz ihnen zu eng sei. Ich träume aber auch davon, dass sich Kulturschaffende für die Welt interessieren, die Welt in die Schweiz holen und sich nicht in eine Innenwelt flüchten. Denn ich träume von einer Schweiz, welche die Globalisierung nicht als eine Bedrohung empfindet, sondern als kulturelle und als politische Aufgabe begreift. Ich träume davon, dass diese Verantwortung nicht bloss als eine Last empfunden wird, sondern dass sie Lebensfreude bedeute. Und ich träume davon, dass Freude und Humor Bestandteil all unserer Aktivitäten sind.
Meine persönliche Erfahrung zeigt mir diesen Traum bis jetzt doch eher als Utopie. Wenn ich diesen Traum einer engagierten Gesellschaft dennoch weiter träume, sind Menschen wie Hugo Loetscher schuld daran.
Hugo Loetscher denkt, empfindet und handelt gesamthaft, verflochten. Er ist Allgemeinpraktiker, ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk gewissermassen, und entsagt der Atomisierung gesellschaftlichen Denkens.
…
Eine Frage, die Hugo Loetscher offenbar häufig beantworten muss: „Sind Sie nun eigentlich Schriftsteller oder Journalist?“ Wo sich andere über diese Art von Fragen nerven, bringt sich Hugo Loetscher fröhlich und analysierend ein, entlarvt die Frage als elitäre Katalogisiererei.
Zu den Kategorien Schriftsteller und Journalist kämen für Hugo Loetscher ja noch weitere dazu: Politiker, Historiker, Städter, Botschafter. Das Überschreiten von Grenzen ist seine Lebenslust. Er verkörpert als Kosmopolit, was vielen suspekt ist: dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.
Hugo Loetscher ist Botschafter der Literaturschaffenden aus anderen Kulturkreisen, aus Südamerika, aus Indien, Botschafter für das bessere Verständnis anderer politischer Systeme und Gesellschaften.
Wenn ich immer wieder sage, Kultur sei die wichtigste Infrastruktur einer Gesellschaft, dann meine ich dies, was Hugo Leoetscher leistet:
Kulturförderung besteht vor allem darin, die Fähigkeit des Interessierten zu fördern und zu schärfen, nämlich zu lernen, Kultur zu erfahren. Dies kann nicht in der Residenz des dichterischen Olymps bewirkt werden, sondern nur durch den Gang zu uns, durch die Liebe zu uns und mit dem Willen, zu uns zu gehören, mit uns zu sprechen, sich um unsere täglichen Kleinigkeiten ebenfalls zu kümmern, auch sie zu beschreiben, literarisch zu fassen, uns auf diese Weise abzuholen und uns damit neue Fenster auf andere Strassen und Gärten des Lebens zu öffnen. Das ist Kulturförderung, das ist die Arbeit in und an einer Gesellschaft, in der jede und jeder mitverantwortlich sein will. Das ist die Gesellschaft, von der ich manchmal träume.
Für diesen Traum wirkt Hugo Loetscher ein Leben lang, er kommt zu allen, auch zu uns.“
Hugo Loetscher wird nicht mehr zu uns kommen – aber er wird bei uns bleiben mit seinen literarischen und politischen Werken. Loetscher liess eine seiner Figuren sagen: einem verstorbenen Mädchen „ein Leben andichten und dann ist sie ein bisschen weniger tot“. Solche Sätze lösen etwas aus in uns, sie bleiben, sie leben. Daher hätte ich Gedanken wie jene zu seinem 70. Geburtstag auch zu seinem 80. oder 100. Geburtstag formulieren können, und ich wiederhole sie deshalb auch jetzt und später, wenn ich sein neuestes Buch gelesen haben werde.
In diesem Sinne ist Hugo Loetscher zwar gestorben, aber tot ist er nicht. Sein Leben, sein Engagement, sein Schaffen wird weiter wirken in der Schweiz, in der Welt, in uns.
Bis bald
Moritz Leuenberger



20 Kommentare
So wie die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz, so sind Kulturschaffende in der Gesellschaft und die Gesellschaft schafft Kultur. Wir sind alle Kulturschaffende in der einen oder anderen Art. Hier sehe ich unsere persönliche Verantwortung. Unser aller Leben ist ein "work in progress", ein Kunstwerk.
Komisch, ich dachte immer mit guter Kunst wird auch gutes Geld verdient.
Wieder so ein überflüssiges Thema. Wen interessiert'ssssssssssssssssss?
Der menschliche Verstand hingegen kann Sterben und Tod nicht einordnen, kann nicht so recht damit umgehen, weil er nicht erkennt: Wir sind Bürger zweier Welten mit einem (sterblichen) Leib und einer (unsterblichen) Seele, die in einem Geistesleib wohnt, der sich beim Sterben löst und in die Jenseitswelt eintritt. Somit lebt Hugo L. wie alle Verstorbenen als Geistwesen mit Form und Gestalt und hat sich weiter zu vervollkommnen.
http://www.klangart.ch
Ich gehöre wohl zu den ewigen Miesmachern (der menschlichen Mehrheit, nicht nur der Schweiz) und verstehe mich mehr als Weltenbürger wie Patriot.
Bei einem Bundesrat mit SOLCHEN Träumen aber bekomme ich tatsächlich Herzklopfen und bin echt unglaublich stolz, Schweizer zu sein!!
Danke Moritz! Moritz for President! :D
Ein unsubventionierter Kulturschaffender, der hoffentlich auch mal stirbt und nicht einfach tot ist...
Grüsslich
Manchmal wäre mehr auch mehr.
Diese Situation muss einen wirklich anekeln.
Leider muss ich gestehen, dass ich zu Hugo Lötscher nichts sagen kann. Wie so viele eifrige Blogger hier. Ich habe nichts von ihm gelesen. Sicher hab ich viel verpasst. Ich lese auch sonst kaum Schriftsteller.
Als Kind las ich viele Bücher. Aber die Schule mit ihrem Lesezwang hatte mir das Lesen verleidet. Seither lese ich fast nur noch Printmedien, Sachbücher und elektronische Beiträge. Sicher traurig.
Allen andern Lesemuffeln kann ich generell Hörbücher empfehlen
Auch eine Kunst den Bürger permanent über den Tisch zu ziehen.
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/dos
Tagi: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/dossier/libyenaffaere/Qadhafi-verlangt-von-der-Uno-die-Aufloesung-der-Schweiz/story/18287515
Die Vertreter der Schweizer sind wirklich toll im Verhandeln. Südanflüge, Bankgeheimnis, Image, retten von Bürgern, alles kunstvoll in den Sand gesetzt.
Hier scheint das ehemalige Durchsetzungsvermögen der Bequemlichkeit zu erliegen. Ab in die EU und Qadhafi hat sein Ziel faktisch erreicht. Eine grosse Rolle spielt es eh nicht mehr, da wir wohl keine Landesvertreter, sondern Landeszertreter haben.
Verständlich, da war ein Blocher oder Borer echt unpassend, die Künstlerseele fehlte da völlig. Die haben sich für die Schweiz gewehrt und eine klare Meinung.
Die Kunst der Unfähigkeit? Die Kunst des Geldverschleuderns? Die Kunst des Aussitzens? Die Kunst der Blindheit?
Herr Leuenberger Sie sind dabei - ein Künstler! Wow!
http://thinkabout.ch
Ich danke Ihnen für Ihre Worte und wünschte selbst, ich wäre ein wenig mehr Schweizer wie Herr Lötscher.
Ihr Beitrag ist für den 2. Januar für blogbibliothek.ch vorgesehen.
meiner Meinung nach sollten Sie noch unbedingt vor dem Abgang zwei Dinge lösen.
Eindeutige Lösung beim Fussgängersicherheitsstreifen.
Schutzziel: Keine Toten, auch wenn einer der beiden einen Fehler macht? Norm für den Abstand des Streifens vom Gefahrenherd,z.B. Kreisel oder Kreuzung etc.
Reissverschluss im Kreisel, dann funktioniert der Kreisel wie eine Pumpe und es gibt keinen Stillstand.
mit freundlichen Grüsse
K. Rohrbach 8824
Ein Umwelt-Thema dass man mittlerweile Gleichviel Bedeutung wie der Wirtschaftskrise entgegenbringen sollte ist das kontinuierliche Bienensterben in der Schweiz. Ich glaube dass das ganze Bundeshaus sich mit diesem Thema DRINGEND intensiver befassen müsste, den dieses Problem bedroht nicht nur alleine die Agrarwirtswchaft, sondern auch das ganze Ökosystem der Schweiz, das unbedingt weiterleben muss.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Mut, Kraft und Gottes Segen für Ihre herausfordernde Aufgaben und bin auch überzeugt dass Sie weiterhin immer Ihr bestes geben werden.
mit freundlichen Grüssen
REFORMER
Tun Sie doch der SP den Gefallen und treten Sie per Ende Oktober zurück, damit sich das Parlament nicht 2x mit Bundesratswahlen beschäftigen muss.
Sie können doch einmal über Ihren Schatten springen und halt auf die Tunnel-Eröffnung und die Klimakonferenz verzichten!
Wäre super!
Freundliche Grüsse
André Gerber
Ich gratuliere zu deinem heutigen Entscheid, Hand zu einem gemeinsamen Rücktritt mit Kollege Merz zu bieten.
Herzlich!
Beat Hugi, SP Herzogenbuchsee