[Version française Et si ce blog n’existait pas?]

Prager Fenstersturz von 1618 - Ausschnitt aus einer zeitgenössichen Darstellung (Quelle: Wikipedia)

Prager Fenstersturz 1618 - zeitgenössische Darstellung (Wikipedia)


Dass ich zu Ehren des Nationalfeiertages ausnahmsweise einen etwas längeren Beitrag verfasste, scheint wenigstens mehrheitlich durchaus akzeptiert worden zu sein. Eine welsche Zeitung meinte allerdings, eine 1. Augustrede auf einem Blog sei diskriminierend, da ja nur Blogger Zugang hätten. Merkwürdige Argumentation, denn dann wäre ja eine 1. Augustrede in einem Dorf noch viel diskriminierender, weil nur die 200 Einwohner aus der näheren Umgebung kommen können. Im Blog sind es doch täglich einige Tausend Besucher.

Danke diesen Besuchern für die Diskussion über den letzten Beitrag! Ich nehme den erneuten Hinweis von Ueli Schäfer, doch lieber „mit uns als zu uns“ zu sprechen, durchaus ernst und versuche das ja auch immer wieder. Aber bei der enormen Vielfalt von Kommentaren über einen einzigen Beitrag ist dies einfach schier unmöglich. Auch den Kommentatoren gelingt das ja nicht.

Den idealen Blog scheint es für einen Bundesrat kaum zu geben, also bleibe ich bei einem unvollkommenen und frage mich: Was wäre denn, wenn es gar keinen gäbe?

„Was wäre, wenn…“ Dieser Frage hat NZZ Folio ein ganzes Heft gewidmet und mir dieselbe Frage, allerdings nicht wie den anderen bezogen auf das Weltgeschehen, sondern bezüglich meines persönlichen Lebenslaufes gestellt. Hier - etwas gekürzt - meine Antwort:


Nein, ich male mir nie einen Lebensweg aus, den ich nicht gegangen bin, weil ich überzeugt bin, dass der Weg kein anderer hätte sein können, nicht nur wegen der äusseren Umstände, auf die ich keinen Einfluss hatte. Auch meine eigenen freien Entscheide traf ich immer unter bestimmten Einflüssen, solchen von aussen oder solchen, die in eigenen Überlegungen oder Stimmungen begründet waren. Müssig also, darüber zu sinnieren, ob ich mich gegen den elterlichen Widerstand für jenen Beruf, für den ich eine Weile schwärmte, hätte wehren sollen und ob ich mich überhaupt hätte durchsetzen können. Die damaligen Umstände waren eben derart, dass ich es nicht wagte.

Würde ich mein Leben nochmals leben, nähme es notwendigerweise wieder denselben Lauf. Ich habe Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ als Jugendlicher gelesen, und ich habe ihn so verstanden: Im Rückblick bereuen wir manchen Entscheid als falsch und verhängnisvoll, sei er nun spontan aus einer Laune oder nach reiflichster Überlegung erfolgt. Doch denken wir uns die genau gleiche Situation, in der wir damals entschieden haben, ergäben sich dieselben Vorbedingungen, dieselben Zwänge, unsere identische seelische Verfassung und daher auch unser gleiches Verhalten. Erst im Rückblick, erst im Wissen über die Folgen des Entscheides, erst nachträglich also, wissen wir, was wir anders hätten machen sollen. Damals wussten wir es nicht, oder wir wussten es und konnten oder wollten unser Wissen nicht umsetzen.

Gewiss sinniere ich hin und wieder wie Gantenbein darüber, was wäre, wenn…? Würde ich, wenn ich Schauspieler geworden wäre, es aushalten, unter irgendeinem Regisseur zu spielen? Käme ich mir, wäre ich Kabarettist, vielleicht wie ein Populist vor, weil ich ständig vereinfachen müsste? Müsste ich, hätte ich mich professionell in Sprache oder Philosophie vertieft, darunter leiden, gesellschaftliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu analysieren, statt etwas zu bewirken? Wäre das nicht die bare Ohnmacht, verglichen mit den Kompromissen, von denen mein heutiger Beruf lebt? Oder: Wäre mein privates Leben wirklich näher beim Glück, wenn…? Doch das sind spielerische Träumereien, die sich nie zu einem Wunsch verdichten, nicht zu einem heimlichen und nicht zu einem öffentlichen. Denn das Leben hätte nicht anders kommen können. Nein, das ist nicht fatalistisch. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem früheren Entscheid findet trotzdem statt, ja sie muss zwingend erfolgen. In der Rückschau erkenne ich tatsächliche Folgen eines Entscheides, die ich vorher gar nicht sehen konnte. Hinterher erkenne ich, warum ich mich damals falsch oder nicht optimal verhielt. Das ist Erfahrung, die in einer neuen ähnlichen Situation zu geschärftem Bewusstsein führt. Doch damals war diese Erfahrung eben noch nicht da, und sie hätte nicht anders sein können.

Meine Gedanken zurück kreisen also weniger um die Phantasie: Wenn damals…, sondern um das Suchen: Warum damals…?, damit ich, wenn ich künftig zurückblicken würde, wenn immer möglich sagen könnte: Wie schön war es, dass damals…

Soweit zum Lebensweg eines einzelnen Menschen. Wie steht es aber bei historischen Gegebenheiten? Kann ein einzelnes Ereignis der Geschichte eine andere Wende geben? Obwohl die Beiträge im Folio natürlich Spielereien sind, decken sie doch heimliche Wünsche auf: Ein NZZ-Redaktor träumt - nicht heimlich, sondern öffentlich - davon, nur gerade das Telefongespräch von Frau Kopp und der darauf erfolgte Rücktritt ihres Ehemannes aus einem Verwaltungsrat habe den seitherigen Niedergang des Zürcher Freisinns ausgelöst. Ohne dieses Telefon hätten die Freisinnigen womöglich gar drei Sitze im Bundesrat erobert und wären dort heute noch mit Frau Kopp vertreten. Abgesehen von einigen falschen Fakten (es hätten damals gar nicht mehr als ein Vertreter aus dem Kanton Zürich gewählt werden können) und Verdrängungen (ohne besagtes Telefon auch kein Swissairgrounding?) muss doch festgehalten werden: Auslöser und Ursache von historischen Umwälzungen sind nicht zu verwechseln. So war der Prager Fenstersturz sicher nicht die Ursache des 30jährigen Krieges und das Attentat von Sarajevo nicht die Ursache, sondern ein Auslöser des ersten Weltkrieges. Für gesellschaftliche Entwicklungen gibt es immer eine Komplexität von Ursachen. Hätte nicht der Tropfen X das Fass zum Überlaufen gebracht, hätte dies der Tropfen Y getan.

Allerdings: Was ist ein kleines und was ein grosses Vorkommnis?

Und so frage ich mich denn auch nicht, ob die Schweiz und die Welt eine grundsätzlich andere Wendung nähmen, wenn es diesen Blog nicht gäbe.

Bis bald

Moritz Leuenberger