„Was kann ich denn schon bewirken?“

[Version française Qu’est-ce que je peux bien faire changer?]

Wieder gehe ich auf einen einzelnen Beitrag ein, auf denjenigen von Stephan Müller, der mich fragt, was ich einem jungen Gemeindeparlamentarier rate, der an seinem Einfluss zweifelt, wirklich etwas verändern zu können. Das beschäftigt offensichtlich nicht nur ihn. Ich denke an Ueli Schäfer oder an Jakob Erber, der findet „wir seien ohnehin zu klein“, um etwas zu bewirken.

Dieses Gefühl, man könne ja kaum etwas bewirken, kennen viele, auch eidgenössische Parlamentarier, auch solche, die um einiges älter sind als Sie. Nach der Freude über die Wahl flaut mit dem Alltag die Spannung ab und es stellt sich eine Ernüchterung, ja bei einigen gar so etwas wie Frustration ein. Ja, sogar Kofi Annan schilderte in seinem Abschiedsvotum in der UNO, wie mancher Stein, den er den Berg hinaufstemmte, seinen Händen entglitten und wieder zurückgerollt sei.

Deshalb zunächst: Unterschätzen Sie Ihren Einfluss nicht! Wer in einem Parlament ist, redet, sagt seine Meinung, wirkt auf andere ein, vielleicht nicht unmittelbar, aber auf jeden Fall mittelbar. Er verändert das Denken und das Handeln anderer, manchmal mit Argumenten, manchmal schon nur durch seine Art, ein Problem zu sehen. Ein Überbauungsplan ohne Opposition sieht völlig anders aus als einer, auf den nicht nur Befürworter, sondern auch Gegner Einfluss genommen haben. Ein Parlament ohne junge Mitglieder würde völlig anders funktionieren und entscheiden. Es wäre anders, wenn Sie nicht da wären, wo Sie sind, lieber Stephan Müller. Sie sind vielleicht in einer Kommission (für Tiefbau, könnte das sein?) und bewirken dort etwas für die Gemeinde, etwas, das ohne Ihre Präsenz eben anders angegangen und gelöst würde. Wenn eine solche Kommission, ich rate jetzt und nenne ein fiktives Beispiel, einen Kreisel statt einer Strassenkreuzung beschliesst, sind Sie mitverantwortlich für eine Planung, die spätere Unfälle mindert und leisten einen Beitrag für weniger Verletzte oder gar Tote. Das darf Ihnen eine Genugtuung sein.

Die Politik besteht im „Bohren dicker Bretter mit Augenmass“, wie Max Weber sagte. Verändern wir mit derart kleinen Schritten, die überdies in einer kleinen Schweizer Gemeinde getan werden, die Welt?

Ja!

Einerseits weil Oslo, San Francisco und Frauenfeld auch Teil der Welt sind und die Welt prägen.

„Beginnen muss in Frauenfeld,
was leuchten soll in dieser Welt.“

Das hat Jeremias Gotthelf mit seinem grossen Wort vom „zuhause“ und dem „Vaterland“ gemeint. Es sind Gemeinden und Regionen, welche die Vorgaben, die Beispiele für globale Veränderungen sind. Road pricing, Fussgängerzonen, Drogenpolitik. Es gibt Energiestädte, die einen niedrigeren Energieverbrauch anstreben und das auch erreichen. Die EU wäre nicht imstande, eine Reduktion von CO2-Emissionen um 20 % als realistisch zu fordern, wenn nicht Gemeinden vorangegangen wären. Und wer stösst den Stein an in einer Gemeinde? Leute wie Sie, die die Hoffnung haben, etwas zu bewirken, und die an diese Hoffnung glauben und auf ihr Ziel hin arbeiten.

Noch etwas: In der der Politik arbeitet niemand allein, sondern immer mit anderen zusammen. Ein einzelner Mensch kann die Welt nicht verändern. Darum geht er in eine Partei, in eine Umweltorganisation, in eine Organisation für Freiwillige. Wenn ein Parlament einen Beschluss fällt, ist jeder Einzelne daran beteiligt, auch wenn sein Einfluss nicht offensichtlich war. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die zur Urne gehen, könnten sich ja auch sagen, dass es auf ihre Stimme gar nicht ankomme. Aber sie stimmen trotzdem ab und nehmen dadurch politischen Einfluss. Sie sind Teil der Gemeinde, sie be-teil-igen sich an der Gemeinschaft.

Lieber Stephan Müller

Natürlich müssen Sie Ihren Weg suchen. Nicht allen liegt die langsame und nur indirekte Einflussnahme in einem Parlament. Freunde von mir verliessen ein Parlament, um als Journalisten oder Entwicklungshelfer tätig zu sein. Andere arbeiten aus dem gleichen Grund in einem öffentlichen Betrieb, um die Gemeinde, den Kanton oder die Eidgenossenschaft mit zu prägen. Es ist gut möglich, dass Sie dereinst anderswo politisch tätig sein werden, auf einer anderen Ebene, im Kantonsrat, im Stadtrat, in der Verwaltung, in einem öffentlichen oder auch in einem privaten Unternehmen, dessen Wirken auch öffentliche Bedeutung hat.

Kofi Annan hat in seiner Abschiedsrede auch gesagt: „Gemeinsam haben wir aber doch auch den einen und anderen Felsbrocken den Berg hinaufgestemmt“, beachten Sie, „gemeinsam“. Da gehören Sie dazu. Allein schon, dass sich Junge in die Politik einmischen, verändert auch uns Ältere. Wir lassen uns berühren und anstecken. Wir nehmen vieles auf von Eurem Denken, von diesen hoffnungsvollen Ideen, die dann wie eine kleine Knospe in einem kommenden Frühling aufblühen.

Bleiben Sie dran, für sich und für uns.

Bis bald

Ihr Moritz Leuenberger