29.10.1995, Rohrbach: Bundesrat Moritz Leuenberger wird in seiner Heimatgemeinde Rohrbach empfangen, hier unterhält er sich mit seiner Tante Roseli. (KEYSTONE/Str)
29. Oktober 1995, Rohrbach: Bundesrat Moritz Leuenberger wird in seiner Heimatgemeinde empfangen, hier unterhält er sich mit seiner Tante Roseli. (KEYSTONE/Str)

[Version française Tante Roseli]

Vor wenigen Tagen war ich in meiner Heimatgemeinde Rohrbach an der Beerdigung meiner 93-jährigen Tante Roseli. Wir nannten sie alle „Tante“, obwohl sie streng genommen die Cousine meines Vaters war.

Ihre Geschichte hat mich berührt: Ihre Mutter wurde als Kind, sie war ein so genanntes Nachzüglerli, mit einem Alkohol durchtränkten Nuggi und mit Mohnsamen ruhig gehalten. Deswegen wurde sie leicht debil. Als heranwachsende Tochter kam sie eines Tages schwanger nach Hause; es war nicht herauszufinden, wer der Vater war. Sie gebar 1914 eine Tochter, meine Grosstante, welche der Mutter sofort weggenommen und in die Heimatgemeinde in Pflege gegeben wurde. Auch wenn über Pfleg- und Verdingkinder viel Schreckliches bekannt ist, meine Grosstante hatte es in ihrer Familie gut, jedoch starb ihre leibliche Mutter und kurz darauf auch die Pflegmutter. So arbeitete meine Grosstante als Magd, sparte sich Geld, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Später wurde sie in der Gemeinde ihrer Pflegefamilie Gemeindeschwester, heiratete einen Bauern und übte auch nach dessen Tod ihren Beruf als Gemeindeschwester weiter aus. Sie war in der Kirchgemeinde aktiv und genoss ein grosses moralisches Ansehen. Das bewies nicht nur die grosse Trauergemeinde an der Beerdigung.

Als ich zum Bundesrat gewählt wurde, bedeutete sie den Behörden meiner Heimatgemeinde, ein Fest für mich zu veranstalten, was diese sofort taten. Ich habe diesen Tag als etwas Wunderbares in Erinnerung. In den Zeitungen war meine Grosstante in einer stattlichen Tracht an meinem Arm zu sehen.

Ihr Schicksal hat mich immer wieder berührt und an der Beerdigung ist vieles wieder wach geworden. Immer hat sie erwähnt, dass sie „unehelich“ geboren sei. Das war vor hundert Jahren eine lebenslängliche Wunde, wie wir sie uns heute kaum noch vorstellen können. Einerseits hat sie immer daran gelitten. Doch auf der anderen Seite hat sie in ihrer Gemeinde und in ihrer Pflegefamilie unglaublich viel Liebe empfangen und dafür war sie dankbar. Sie hat diese Liebe weiter gegeben, hat viele Leute in der Gemeinde während ihren Krankheiten betreut und sie hat sich für das Gemeindeleben, vor allem dasjenige in der Kirche, eingesetzt. Diese Liebe haben ihr die Menschen an der Beerdigung erneut bewiesen. Nach der Abdankung haben mir viele ältere Menschen gesagt: „Wir haben eben auch grosse Fortschritte gemacht in der Schweiz. Keine Säuglinge, die mit Alkohol aufgezogen werden.“ Und: „Heute wird niemand mehr geächtet, weil er „unehelich“ geboren wurde.“

Wie Recht sie haben. Aber ich muss beifügen: Für diesen Fortschritt brauchte es auch das Beispiel von Menschen, die vormachten, wie man Benachteiligte erfolgreich aufnehmen, ihnen helfen kann und dann dafür auch belohnt wird. Es gibt dafür heute ein Fremdwort: „integrieren“.

Bis bald

Moritz Leuenberger