Das letzte Mal schrieb ich von den verschiedenen Kulturen der Zeremonien, mit denen Tunnel, Brücken oder Strassen eröffnet werden. Das hat sich mir letztes Wochenende wieder eindrücklich bestätigt. Schon innerhalb der Schweiz sind die Rituale recht unterschiedlich, noch ausgeprägter fällt das in verschiedenen Ländern auf.

Am letzten Freitag Lötschberg-Basistunnel: Ein eigentliches Volksfest, wenigstens im Wallis, etwas chaotisch zuweilen, aber es waren ja immerhin 1200 Personen eingeladen. Unter den Gästen Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Dörfer, welche an der Linie liegen, Politikerinnen und Politiker, Feuerwehrkommandanten und darunter im ganzen Menschenstau auch die ausländischen Verkehrsminister, für einmal auch sie ohne Bodyguards. So kam unsere direkte Demokratie sinnbildlich zum Ausdruck und das war auch gut so, denn schliesslich hat die direkte Demokratie den Tunnel geschaffen.

Darf ich noch festhalten: Für die Mineure und die bei der Tunnelausrüstung beschäftigten Arbeiter gab es zwei spezielle Feste. Dies, weil die meisten von ihnen zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme des Tunnels schon wieder auf andern Baustellen in aller Welt tätig sind. Bei einer „Hausaufrichte“ ist es ja auch so: es gibt ein Fest für die Arbeiterinnen und Arbeiter und später eine Einweihungsfeier für die Benutzer. „Jurischtli“ darf also beruhigt sein: Den Leuten, die jahrelang für den Tunnel geschuftet haben, wurde der Respekt gezollt. In jeder Rede wurde den Mineuren für ihre grossartige Leistung zusätzlich gedankt. Das Filmlein von 10 vor 10 war da doch etwas gar gesucht und gestellt.

Mit dem Zug ging es vom Berner Oberland ins Wallis, auch dies Ausdruck unseres überregionalen Zusammenhalts. In Visp wurden die geladenen Gäste jubelnd begrüsst. Meine ausländischen Kollegen waren überzeugt, in der Schweiz seien die Politiker viel beliebter als bei ihnen…

Am Samstag dann in Holland die Einweihung der Betuwe-Linie. Sie ist eine Eisenbahnlinie ausschliesslich für den Güterverkehr, welche von Rotterdam zur deutschen Grenze an die Bahnstrecke Deutschland –Schweiz –Italien führt.

Dort war das Volksfest strikte getrennt von der offiziellen Feier mit den geladenen Gästen. An dieser waren 800 Gäste eingeladen, darunter nicht weniger als sechs ehemalige Verkehrsminister und -ministerinnen, mit denen allen ich in den letzten Jahren zusammengearbeitet hatte.

Das Fest fand an einem einzigen Ort statt und die Königin war anwesend. Es gab ein strenges Protokoll: Die Königin ist später als die anderen Gäste zum offiziellen Festakt gestossen, aber auch früher wieder gegangen. Ihre Begrüssung der Ehrengäste durfte das Schweizer TV nicht filmen. Dafür war es sonst wie beim Schweizer Fernsehen: Wenn die Königin in den Festsaal eintritt, bedeuten Claqueurs den Zuschauern, sie müssten klatschen. Ganz so wie bei Urs Leuthard, Aeschbi und Matthias Hüppi (nur die Christine Maier vom Club strebt da nicht den Königinnenstatus an und bleibt demokratisch). Als der Sitznachbar der Königin eine Rede hielt, durfte der Stuhl neben ihr nicht frei sein, ich wurde gebeten nachzurutschen. Dem geladenen Publikum wurde dann eine eigentliche Theateraufführung mit Ballett- und Trapezeinlagen, mit einer Frauenschlagzeugband und einer Opernsängerin geboten. Nach den Reden gab es noch einen Apéro. Von weitem hörte man die Lautsprecher des Volksfestes.

Bei all diesen Unterschieden: Holland und die Schweiz haben ein gemeinsames Ziel: Die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene. Beide Bauwerke: der Lötschberg-Basistunnel und die Betuwe-Linie sind ein weiterer Puzzlestein auf unserem Weg dazu.

Bis bald

Moritz Leuenberger