[Version française VIP, «non VIP» et Ramadan]

Registan

Sorry, dass ich meinen Buchtitel so lange an erster Stelle prangen liess. Aber ich war wie angekündigt zehn Tage im Osten. Immerhin gab er eine wunderbare Diskussion her, für die ich mich herzlich bedanke. Offenbar ist das Buch auch gerade Nr. 1 auf der Bestsellerliste des Schweizer Buchhandels geworden (www.schweizer-buchhandel.ch), was doch ein lieber Empfang zuhause ist.

Ich war letzte Woche zunächst in Aserbaidschan, Gespräche je mit dem Staatspräsidenten, dem Premierminister, dem Aussen-, dem Verkehrs-, dem Energie-, dem Telekommunikations- und dem Umweltminister, sieben Diskussionsrunden also, und zusätzlich wurden gleich drei bilaterale Abkommen abgeschlossen. Hauptgegenstand war aber in sämtlichen Gesprächen das von Armenien besetzte Gebiet von Berg-Karabach und die geplanten Öl- und Gaspipelines von Aserbaidschan Richtung Georgien und Türkei (daher auch Besuch einer Erdölbohrfirma). Auch Baku und Umgebung konnte ich mir ansehen und genoss während des ganzen Aufenthaltes stets den Status eines VIP, an den sich ein Bundesrat im Ausland zu gewöhnen droht. Deshalb verzichte ich bei privaten Reisen konsequent darauf, so auch bei meinem anschliessenden Ausflug nach Usbekistan.

Als Nicht-VIP sieht man ganz andere Seiten eines Landes. Statt einen Tee im VIP-Raum zu geniessen, um dann direkt ins Flugzeug geführt zu werden, ohne sich um etwas zu kümmern, dauert der Einstieg ganze zweieinhalb Stunden, wie etwa in Taschkent:
  • Abstehen einer Warteschlange vor dem Check-in
  • Devisenkontrolle, verbunden mit erster Sicherheitskontrolle. Nach 20 Minuten anstehen:
  • Zurückgeschickt werden, weil es neben des Doppels der sorgfältig aufbewahrten Einreisedevisenerklärung auch eine neue Ausreisedevisenerklärung braucht. Ausfüllen derselbigen
  • Erneutes Anstehen in der Warteschlange, Kontrolle der Devisen: Geld zeigen und in allen Währungen zählen
  • Passkontrolle mit Kontrolle der Hotelübernachtungen (Warteschlange)
  • Zweite Sicherheitskontrolle (Warteschlange): Billette vorweisen (nein, nicht Boardingkarte, Billette)
  • Dritte Sicherheitskontrolle (erneute Warteschlange): Schuhe, ausziehen, abtasten lassen etc
  • Neue Schlange je bei diversen Passagen im Flughafen, vor dem Boarding und danach Flughafenbus.
(Dasselbe dann wieder beim Umsteigen in Moskau, wobei Gepäck noch von Hunden kontrolliert wird, da Herkunftsort Taschkent.)

Nicht nur verspätete Flugzeuge spannen die Nerven an: In Buchara ist bei meiner Ankunft das Flugzeug in die Hauptstadt Taschkent ausnahmsweise entgegen dem Fahrplan schon eine Stunde früher abgeflogen. Gerüchten zufolge, die ich in der wartenden Menge aufschnappe, ist „ein VIP aus der Regierung“ gekommen; er wollte imperativ sofort geflogen werden und bediente sich dazu des Verkehrsflugzeuges. Da dies der einzige Flug nach Taschkent war, muss ich als bekennender Nicht-VIP ein Auto organisieren. Es ist das Ende des Ramadan, also ein grosses Fest, an welchem nur wenige arbeiten, weil Familienbeziehungen gepflegt werden. An diesem Tage einen Fahrer finden? Es findet sich aber einer. Und sein Ramadan? „Ramadan ist ein Fest der Nächstenliebe; ich tue das gerne für einen Gast.“ In einem kleinen Daewoo werde ich 600 km während mehr als 7 Stunden nach Taschkent geschüttelt, so dass der Anschlussflug nach Moskau gerade noch klappt.

Zuhause in Zürich: Samtene Landung, Empfang durch den VIP-Service. Alles klappt wie am Schnürchen. Nur am Taxistand kein einziges Taxi und eine lange Warteschlange. Wieso keine Taxis am Zürcher Flughafen? Die spätere Erklärung: Die meisten Taxifahrer am Flughafen sind Muslims.

Sie feiern das Ende des Ramadan.

Bis bald

Moritz Leuenberger