[Version française: La relativité de l'espace silence]
Ruhewagen-Abteil ©Photo CFF

Die vorgeschriebene Ruhe in den Ruhewagen der SBB wird ziemlich verschieden interpretiert. So telefonierte letzte Woche ein Chefredaktor einer Schweizer Boulevardzeitung von Aarau bis Zürich recht ungeniert, wenn auch mit relativ gedämpfter Stimme. Es fand sich kein Ruhepolizist, der ihn gütig ermahnt hätte, auch ich wagte das nicht - aus Angst vor einer relativ stark zugespitzten Story, die mit Sicherheit erschienen wäre. Als ich in derselben Woche meine Sitznachbarn, die im Ruhewagen unentwegt flüsterten und kicherten, mit strafendem Blick anschaute, waren diese äusserst ungehalten und fanden, Flüstern sei doch wenigstens erlaubt. Aber das ist die Relativität der Ruhe und des Lärms: Zischendes Flüstern wirkt in totaler Ruhe wie lautes Kreischen in einem normalen Geräuschpegel. In derselben Woche traf ich den Bundespräsidenten im Ruhewagen an. Der Zug stand noch im Bahnhof und es folgte eine Lautsprecherdurchsage der anderen (die friendly staff würde uns in der Mitte des Zuges mit köstlichen Mahlzeiten verwöhnen etc, alles in drei Sprachen), weswegen wir uns stimmhaft begrüssten. Sofort wurden wir von einem hochdeutsch sprechenden Bahnkunden zurechtgewiesen: Die Ruhevorschrift gälte auch im Bahnhof und schon während des Betretens des Wagens. Wir unterzogen uns dieser Interpretation sofort, schliesslich haben wir ja das Privileg, dass es im Bundeshaus Sprechzonen gibt. Schwieriger wurde es, als uns während der Fahrt der bolivianische Servicemann der Minibar mit relativ kräftiger Stimme ansprach:„Buenos dias Señor Moritz y Señor Marz!“ Unser Bundespräsident spricht hervorragend spanisch und bestellte Kaffee, wogegen der deutsche Mitpassagier nicht opponierte. Vielleicht relativierte er aus Bewunderung über die Sprachkenntnisse des Señor Marz sein Ruhebedürfnis.

Die Relativität spielt bei den SBB ohnehin eine nicht unbedeutende Rolle. Denken wir an das relativ umstrittene Projekt einer Preisgestaltung je nach Tageszeiten: Wären in diesem Sinne Preise ausserhalb der Stosszeiten billiger oder wären diejenigen in den Stosszeiten teurer? Das ist eben Relativitätstheorie.

Auch sie wurde ja bekanntlich von Albert Einstein in einem fahrenden SBB-Zug erfunden, als ein Mädchen fragte: „Wann hält eigentlich der nächste Bahnhof?“

Und über die Relativität der Pünktlichkeit sprechen wir vielleicht besser ein anderes Mal.

Bis relativ bald

Moritz Leuenberger