[Version française: Chauffards]

Unfallfahrzeug

Bild: Wikipedia

„Raser sind Asoziale und Kriminelle, ich kann es nicht anders sagen.“
Das kurze Statement in „10 vor 10“ findet – ausser in der wegen Radio Energy schmollenden Ringierpresse - breite Zustimmung, wie mir viele Mails beweisen.

Mit dieser Feststellung ist allerdings noch nichts getan. Entscheidender ist ja die Antwort auf die Frage: Wie verhindern wir asoziale und kriminelle Raser auf den Strassen?

1. Uns sozial zu verhalten, andere Menschen zu respektieren, Rücksicht zu nehmen, so dass sich alle gegenseitig vertrauen können, lernen wir in der Familie und der Schule. Dort wird das soziale Verhalten wohl am stärksten geprägt. Deshalb darf nicht verschwiegen werden, dass Raser oft junge Männer mit schwachen sozialen Wurzeln sind. Sie kommen zum Teil aus Ländern, wo sie als Kinder den Krieg oder dessen Folgen erlebt haben, also einen Zustand, der moralische Bindungen zerstören kann.

2. Für soziales Verhalten im Strassenverkehr gibt es zusätzlich Schulungen, um sich den physikalischen Gesetzen von Geschwindigkeit und Masse so anzupassen, dass keine Menschenleben gefährdet werden: Theoretische und praktische Fahrprüfung, seit kurzem zweistufig für Neulenker, das heisst der erste Ausweis wird auf Probe abgegeben. Doch wenn eben das Grundwasser menschlicher Rücksichtnahme überhaupt fehlt, ist auch eine solche Ausbildung nur ein verdampfender Tropfen auf die verdorrten Seelen der Entwurzelten. Nicht alle sind ansprechbar auf diese Bemühungen zu Schärfung des sozialen Gewissens und Verhaltens.

3. Meines Erachtens nützen deshalb auch die gut gemeinten pädagogischen Kampagnen auf Plakaten gegen das Rasen kaum etwas, wenn sie nicht mit schärferen Kontrollen verbunden werden. Der Verstand schaltet den Nervenkitzel nicht aus. Und weil dieser Kick nicht nur selbstmörderisch, sondern eben auch mörderisch ist, braucht es Repression: Ausweisentzug, Gefängnis, oder, wie ich es im Paket via sicura vorschlage, der Einzug und die Verschrottung des Fahrzeuges. Repression hat immer einen doppelten Effekt: Sie soll den Bestraften „erziehen“ und sie soll potentielle Täter abschrecken. Hier sind gewiss noch Verschärfungen notwendig, zum Beispiel höhere Maximalstrafen. Diese würden es dann auch gebieten, nach einer Verhaftung die Täter nicht sofort wieder auf freien Fuss zu lassen, sondern sie wegen Fluchtgefahr zu inhaftiert zu lassen.

4. Doch wir wissen, dass auch noch so harte Repression letztlich Kriminalität nicht beikommt. Eine noch so harte Strafe erfolgt ja an einem Täter, dessen Tat schon Opfer forderte. Auch die Todesstrafe, auch totalitäre Staaten kommen der Kriminalität nicht bei.

5. Es ist wie bei aller politischen Arbeit: Es gibt eine Vision. Im Strassenverkehr heisst sie „vision zero“, also keine Toten und keine Verletzten, also auch keine Raser. Vielleicht können wir diese Vision nicht erreichen, aber es ist unsere Pflicht, mit allen nur erdenklichen Mitteln, wie Erziehung und Repression darauf hinzuarbeiten. Deswegen das Programm via sicura. Es will Sicherheit erreichen mit Aufklärungskampagnen (Velohelm freiwillig tragen), mit Erziehung (praktische Fahrkurse), infrastrukturellen Massnahmen (Leitplanken verstärken, Kreisel), mit Kontrollen zur Durchsetzung bestehender Regeln und mit neuen Verhaltensregeln (zum Beispiel Alkoholverbot für Neulenker und Berufschauffeure). Für dieses Programm läuft jetzt die Vernehmlassung. Dass hier im Namen der individuellen Freiheit Positionen bezogen werden und gegen die Bevormundung der Bürger gewettert wird, ist verständlich.

Gewiss, Freiheit heisst Risiko. Aber wer mit Freiheit nicht verantwortungsvoll umgehen kann, ist ein Risiko, welches wir nicht tolerieren können.

Bis bald

Moritz Leuenberger