[Version française: Les difficultés de lecture de Mister Suisse]
Mister Schweiz Andre Reithebuch
Mister Schweiz Andre Reithebuch (KEYSTONE/Christoph Stulz)

Zu den Missen der Schweiz habe ich mich hier ja schon mal geäussert und sie als leuchtendes Beispiel für Bundesratswahlen dargestellt. Heute will ich dem amtierenden Mister Schweiz gerne Trost spenden. Ich habe ihn schon vor einer Woche lobend erwähnt, ohne ihn allerdings je gesehen zu haben, zappte dann aber zufälligerweise in eine Diskussion, und hörte, wie er sich zu seiner Leseschwäche äusserte. Zunächst ein Lob auf TeleZüri. Wenn dort ein Moderator ist, der seine Gegenüber im Grunde genommen gern hat und nicht von ständiger Empörung getrieben ist, kann auch bei einem privaten Sender eine wunderbare Service-Public-Leistung spriessen.

Zu unserem leseschwachen Mister Schweiz: Was ist denn das für eine elitäre Empörung, die da gepflegt wird, er sei lesefaul oder er könne nicht gut lesen. Ist es nicht traurig, dass diese Leseschwäche verborgen werden muss, weil sie als Makel verstanden wird? Treibt das nicht eben gerade eine Spirale an mit der Folge, dass sich die Leseschwäche noch verschlimmert und der Betroffene zu immer noch raffinierteren Verschleierungstaktiken greifen muss?

Wer etwas nur mit Mühe und Pein versteht, dringt oft sehr viel gründlicher in die Materie, als wer es ohne Probleme kann. Es gibt ein Buch mit dem Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“, das dies wunderbar beschreibt. Ich kenne viele Menschen, die verschlingen Bücher um Bücher und wecken doch Zweifel, ob sie all die Literatur, die sie verschlingen, auch wirklich verdauen können. Gewiss war ich schon im Literaturclub und habe schon Bücher herausgegeben, aber ich tue mich oft schwer mit Lesen. Bücher lese ich langsam, und ich lese gar nicht dermassen viele. Regelmässig schleppe ich auf Reisen oder in die Ferien mehrere Bücher mit und bringe die meisten ungelesen wieder nach Hause. Ein Buch soll ja zu einem Dialog zwischen Autor und Leser führen. Dazu braucht es aber zwei. An der Leseunlust vieler Menschen ist wohl auch die wenig leserfreundliche Sprache vieler Texte schuld. Manche Berichte meiner Fachleute verstehe ich nicht, selbst wenn ich sie zweimal lese. Oft kann ich sie erst begreifen, wenn ich nachgefragt habe und mir alles mündlich erklären liess. Erst dann kann ich den Inhalt auch weitervermitteln. Meine Steuererklärung lasse ich durch einen Fachmann ausfüllen.
Auch Politiker lesen oft nur die Überschriften in den Zeitungen, was sie aber nicht daran hindert, dann trotzdem zum Thema zu sprechen (auch das behandle ich übrigens in meinem Buch über die Lüge und die List). Hand aufs Herz: Wem von uns geht es nicht manchmal so? Und es gibt Politiker, bei denen wir uns nicht so sicher sind, wie gut sie eigentlich wirklich lesen können. Trotzdem wurden sie gewählt. Oder besser: Vielleicht wurden sie in stiller Solidarität eben gerade aus Protest gegen die geschliffenen Rhetorikoberklasse gewählt. Das gehört auch zur Demokratie: sich vertreten zu lassen durch einen oder eine, die „so ist wie wir.“ Seit wann wählen wir einen Mister und eine Miss Schweiz, weil er oder sie Lese- oder gar Literaturhelden wären? Sie werden doch gewählt, weil sie gut aussehen und gut repräsentieren können.
Dass sich jetzt auch der „Dachverband Lesen und Schreiben Schweiz“ dem neuen Mister Schweiz annimmt (dessen Präsident Roger Nordmann in TeleZüri überzeugend auftrat), um die Erwachsenenbildung zu fördern, zeigt, was es bewirken kann, wenn eine öffentliche Person zu ihren Eigenarten steht. Einen Mister Schweiz mit einer so grossen politischen Wirkung hat es wohl noch gar nie gegeben. Und wenn er diesen Blog nicht lesen will oder kann, verstehe ich ihn gut. Er will wohl nicht von jedermann vereinnahmt werden. Aber umgekehrt gestehe ich meine Solidarität mit ihm ganz gerne: Ich tue mich manchmal auch schwer mit Lesen.

Bis bald
Moritz Leuenberger

PS: Dieser Blogbeitrag blieb nicht ohne Folgen. André Reithebuch hat sich über meine Unterstützung sehr gefreut und mich im Bundeshaus Nord besucht. Wie unsere Begegnung verlaufen ist, lesen Sie unter www.blick.ch.