Inflation der Unflätigkeiten

Ich erinnere mich, wie vor einigen Jahren ein Journalist ein Interview mit einer eigentlichen Beschimpfungstirade begann: Amtsmüdigkeit warf er mir vor, zum Rücktritt forderte er mich auf etc. Wahrscheinlich erwartete er, ich würde das Interview sofort abbrechen, was ihm eine süffige Story beschert hätte. Doch er hat dermassen übertrieben, dass ich unwillkürlich und schallend lachen musste. Ähnlich erging es mir bei Lektüre der vorletzten Weltwoche. Der Text unter meinem Foto lautete: „Medien-Gestapo: Bundesrat Leuenberger“. Ich musste lachen. Allerdings wurde ich dann auf diesen Text häufig angesprochen. Viele fanden, das sei gar nicht zum lachen und liege absolut nicht drin. In Deutschland hätte ein solcher Vergleich ernsthafte politische Folgen, weil er indirekt auch eine Verharmlosung des Naziregimes bedeute. Reaktionen auf Nazivergleiche sind tatsächlich sehr heftig und das ist auch begreiflich. Das konnten wir jetzt wieder beobachten. Ein Nationalrat empörte mit seinem Nazivergleich von Peer Steinbrück die deutsche Öffentlichkeit. Steinbrücks vorheriger Indianervergleich war dagegen geradezu harmlos im Verhältnis zu Münteferings Aussage, früher hätte man gegen ein Land wie die Schweiz noch Krieg geführt.
Im Gerangel um mediale Aufmerksamkeit hat eine Inflation der Unflätigkeiten eingesetzt, welche die Kunst politischer Polemik entwertet hat. Gröbste Anschuldigungen erweisen sich als Übertreibungen und wirken nur noch lachhaft. Die verletzte Ehre, für die vor hundert Jahren noch zum Duell aufgefordert wurde, wird kaum noch geltend gemacht.
Doch trotz allseits dickerer Haut gibt es Empfindsamkeiten. Plötzlich entdecken wir in einer Übertreibung wieder den eigentlichen Wortsinn und fühlen uns in der Ehre verletzt. So wollten sich Slumbewohner in Bombay mit dem Titel des Filmes „Slumdogmillionaire“ nicht abfinden; man beschimpfe sie als Hunde, finden sie. Vom Indianervergleich fühlen sich jetzt auch Indianer betroffen. „Wir Havasupai hinterziehen keine Steuern und helfen auch niemandem, das zu tun.“ Der Vergleich sei ein Schlag mitten ins Gesicht der Ureinwohner Arizonas. Und jetzt sind natürlich wir unsererseits wieder beleidigt, denn nicht alle Schweizer sind ja Steuerhinterzieher. Am Vergleich des deutschen Finanzministers stört uns weniger der Vergleich von uns mit Indianern, sondern der von der EU als der Kavallerie.
Es ist eben nicht dasselbe, ob ein Spruch am Stammtisch dahingepoltert wird oder ob er via internationale Medien in die ganze Welt posaunt wird. Worte wirken. Je grösser der Zuhörerkreis desto grösser die Wirkung und damit die Verantwortung. Etwas diplomatische Umsicht und Verantwortung in der Wortwahl dürfte man deshalb von Spitzenpolitikern erwarten. Eigentlich sollte es OECD-Richtlinien für zivilisierten Umgang und verantwortungsvolle Wortwahl geben. Für die schwarze Liste wüsste ich Kandidaten aus unserem Nachbarland, aber auch aus der Schweiz.
Jener Journalist übrigens, der mich damals mit seinen Provokationen zum lachen brachte, gehört nicht darauf. Er hat die Stelle gewechselt und arbeitet jetzt beim Bund und ist ganz sanft und lieb und nett.
Bis bald
Moritz Leuenberger









