[Version française Assemblée communale à Bali]

Moritz Leuenberger spricht zu den Delegierten an der Klima-Konferenz in Bali. (KEYSTONE)

Moritz Leuenberger spricht zu den Delegierten an der Klima-Konferenz in Bali. (KEYSTONE)

Ich behaupte ja immer wieder, es wiederholten sich auf der globalen Bühne dieselben Mechanismen, die wir von lokalen Ebenen kennen; das heisst dieselben Konflikte um wirtschaftliche, soziale und ökologische Interessen, dieselben Kämpfe um Einfluss und Macht. Dass selbst das Phänomen der Gruppendynamik, also die gegenseitige Beeinflussung durch Stimmungen und Gefühle der Weltgemeinde nicht fremder ist als einer Gemeindeversammlung, erfuhr ich in Bali eindrücklich.

Am Freitag konnten die Verhandlungen nicht wie vorgesehen abgeschlossen werden, da in einigen Punkten noch keine Übereinstimmung vorlag. In Untergruppen wurde weiter verhandelt und nach Kompromissen gesucht (in allen Untergruppen war übrigens die Schweiz vertreten) und das Plenum auf Samstag Morgen wieder einberufen (obwohl das Ende der Versammlung auf Freitag festgesetzt war). Manche mussten also erneut ein Hotel buchen und Rückflüge verschieben. Doch auch Samstag Vormittag konnte noch keine Einigung gefunden werden. Samstag Nachmittag lag dann ein Dokument vor, zu welchem sich die Ländergruppen äusserten. Indien verlangte noch einen Zusatz, die EU akzeptierte das Dokument und auch die Schweiz im Namen der von ihr präsidierten Gruppe Mexiko, Korea, Liechtenstein und Monaco. Dann äusserten sich die USA. Sie erhoben einen Einwand und verweigerten die Zustimmung. Buh-Rufe, Pfiffe gefolgt von scharfen Erklärungen unter anderem von Costa Rica, Südafrika und anderen. Da erhob sich die Vertreterin der USA, und betonte, sie suche ja durchaus auch den Konsens. Das trug ihr spontanen Applaus ein, der langsam anschwoll. Das ganze Plenum erhob sich sukzessive, und es gab standing ovations, obwohl die USA den Einwand ja gar nicht zurückgezogen hatten. Doch die Delegation der USA liess sich von der Interpretation des Plenums langsam anstecken, erhob sich ebenfalls und klatschte, zog dermassen also den vorher erhobenen Einspruch zurück. und der Präsident konnte Konsens feststellen.
Die Weltengemeinschaft verhielt sich also so emotional wie eine Gemeindeversammlung, in der verschiedene Bürgerinnen und Bürger tatsächlich aufeinander eingehen, sich zuhören, sich auch bewegen lassen und auch gewillt sind, im Interesse des Ganzen ein Resultat zu erreichen.

Ich habe diesen Ablauf bereits in mehreren Interviews erzählt und merkwürdigerweise wurden mir immer entsetzte Rückfragen gestellt: Ob es denn nicht erschreckend sei, dass da nach Gefühlen entschieden werde ? (vgl. dazu das «Tagesgespräch» von Radio DRS)

Wichtig ist doch, dass auch Staaten bereit sind, den eigenen Standpunkt zu überdenken und ihn zu ändern. Das wollten wir ja von den USA schon lange. Dass sie ihre Haltung auch unter dem Eindruck der Weltmeinung, die für einmal in einem Saal akustisch zum Ausdruck kam, änderten, ist nichts als natürlich. Politik lebt eben auch von Gefühlen. Die gegenseitige Überzeugungsarbeit erfolgt nicht nur mit kühlen Argumenten, sondern ebenso mit dem Herzen.

Für mich war Bali daher ein hoffnungsvolles Erlebnis für eine globale Klimapolitik. Gewiss, es ist noch ein langer Weg zu verbindlichen Massnahmen und es wartet noch unglaublich viel Arbeit auf uns, doch ein Anfang ist gemacht.

Bis bald

Moritz Leuenberger