[Version française Regarder le monstre dans les yeux]

Weltwoche - Copyright: Alfons Kiefer
Illustration auf dem Titelblatt der Weltwoche vom 23. August 2007 - Copyright: Alfons Kiefer


Zugfahrt Zürich - Bern. Wer sich auf vier Sitze auszubreiten versucht, sei es mit Taschen, laptops oder mit ausgestreckten Beinen, neuen Passagieren den Zugang versperren soll, hat keinen nachhaltigen Erfolg, denn der Wagen füllt und füllt sich. Nach der dritten Anfrage eines Platz Suchenden muss auch der Renitenteste die Waffen strecken, beziehungsweise die Beine einziehen. Dafür sind dann alle, die sich jetzt unfreiwillig gegenüber sitzen, etwas gereizt und verstecken sich zunächst hinter Zeitungen, die sie vor ihre Gesichter halten, um niemanden mehr sehen zu müssen.

Statt der Gesichter sehe ich mir gegenüber gleich dreimal das Titelblatt der Weltwoche. Welche eine Bedrohung: Mich starrt dreimal ein grünes Monster an. Das Monster bin ich, dargestellt als grüner Hulk, der Lastwagen zerknüllt, Industrieanlagen zerstampft und in fanatischem Zorn vorwärts stürmt. Meine Gegenüber vertiefen sich nach dem anfänglichen Gerangel um Plätze ins Innere der Weltwoche und, wie sich anschliessend zeigt, lesen sie deren These, es gebe keinen Klimawandel und wenn es einen gäbe, sei er nicht von Menschen verursacht, und sie lesen mein Interview dazu. Allmählich senken sie die Zeitung auf ihre Knie und ich werde nicht mehr von mir selber angestarrt. Es ergibt sich eine Diskussion (Wir sitzen nicht im Ruhewagen!).

„Nein, die 50 Rappen für eine CO2-Abgabe auf Benzin, sind gar nicht neu, das steht schon heute im Gesetz als Maximum.“ „Nein, die würde nicht noch dieses Jahr eingeführt, das müsste ja zuerst der Bundesrat beschliessen und das Parlament würde noch ewig über die Höhe diskutieren.“ „Ja, wahrscheinlich ist so eine Idee ohnehin erst auf die Periode nach Kyoto durchzusetzen.“ „Ja, der Klimarappen soll weitergeführt werden; vorläufig gibt es ja gar keine Alternative.“ „Natürlich muss auch im Ausland reduziert werden, der Emissionshandel soll weiter gehen“. „Je weniger Öl wir verbrauchen, desto unabhängiger werden wir von Rohstoffkrisen.“ „Nein, auch die EU will dasselbe Ziel erreichen“. „Nein, die Wirtschaft wird nicht bestraft, die Innovationen bringen ihr doch Wettbewerbsvorteile.“ Kurz vor Bern wird die einzige Frau in der Runde, allerdings auch sie in einem gestreiften Herrenanzug, versöhnlich: „Dann sind Sie ja doch nicht so ein Monster.“

Ich bin etwas enttäuscht. Kaum werde ich mal als Muskelprotz gezeichnet, ist dieser Traum auch schon wieder entzaubert …

Bis bald

Moritz Leuenberger