Abstrafung des Denkens
[Version française: Le procès de la pensée]

Bild: Dieter Leuenberger
Georg Kreis wagte im Zischtigsclub folgende Frage: Was wäre das Resultat einer Volksabstimmung gewesen, wenn damals in den Dreissigerjahren eine Initiative „gegen die Unterwanderung der Schweiz durch das Judentum“ zur Abstimmung gelangt wäre? Wegen dieses Gedankengangs wird nun von der SVP sein Rücktritt als Präsident der Rassismuskommission gefordert und seine FDP-Parteifreunde Fiala, Müller und Pelli distanzieren sich auch von ihm.
Der soeben zurück getretene Postdirektor Michel Kunz stellte in einem Interview eine Briefkastengebühr zur Diskussion. Ein Sturm der Entrüstung brach über ihn ein.
Ich kann mich erinnern, vor etwa drei Jahren von der Möglichkeit eines Kompromisses einer stufenweisen Erhöhung des Rentenalters theoretisiert zu haben. Auch dagegen gab es helle Empörung.
Der Reflex, neue Gedanken und Ideen entrüstet zurückzuweisen, ist in der öffentlichen Diskussion auf Schritt und Tritt zu beobachten. Jede Finanzierungsidee für künftige gesellschaftliche Aufgaben wie etwa Infrastrukturen wird auf die Schlagzeile verkürzt oder verfälscht: Bahnfahren, Autofahren, Strom oder was auch immer: „wird teurer!“
Schlimmer noch scheint mir aber, dass immer öfter die Urheber von solchen Ideen verunglimpft, persönlich attackiert und diskreditiert werden. Natürlich müssen wir nicht jede neue Idee begeistert bejahen. Bloss ist das kein Grund, auf den Mann oder die Frau zu spielen, denn: Eine Demokratie braucht auch neue und ungewohnte Ideen und Meinungen, irritierende zuweilen, solche, die nach ausgiebiger Diskussion vielleicht auch wieder verworfen werden müssen. Aber dass sie überhaupt nicht erst geäussert werden, aus Furcht, das öffentliche Denken werde abgestraft, kann niemals der Sinn einer aufgeklärten Demokratie sein. Die Hoffnung, eine solche sein zu wollen, sollten wir nicht aufgeben.
In diesem Sinne hoffe ich auf eine etwas offenere Haltung im nächsten Jahr und widme zur Illustration dieses Wunsches den Besucherinnen und Besuchern meines Blogs meine Neujahrskarte, die mir wie jedes Jahr mein Bruder Dieter gemalt hat.
Bis bald
Moritz Leuenberger
PS: Aufgrund der Schliessung der Blog-Plattform der Swisscom musste ich für meinen Blog eine neue Bleibe suchen. Neu findet man den Blog unter www.moritzleuenberger.net. Sie werden einige kleine Änderungen im Bereich der Navigation und der Grafik, die nun flexibel angepasst werden kann, feststellen.

Bild: Dieter Leuenberger
Georg Kreis wagte im Zischtigsclub folgende Frage: Was wäre das Resultat einer Volksabstimmung gewesen, wenn damals in den Dreissigerjahren eine Initiative „gegen die Unterwanderung der Schweiz durch das Judentum“ zur Abstimmung gelangt wäre? Wegen dieses Gedankengangs wird nun von der SVP sein Rücktritt als Präsident der Rassismuskommission gefordert und seine FDP-Parteifreunde Fiala, Müller und Pelli distanzieren sich auch von ihm.
Der soeben zurück getretene Postdirektor Michel Kunz stellte in einem Interview eine Briefkastengebühr zur Diskussion. Ein Sturm der Entrüstung brach über ihn ein.
Ich kann mich erinnern, vor etwa drei Jahren von der Möglichkeit eines Kompromisses einer stufenweisen Erhöhung des Rentenalters theoretisiert zu haben. Auch dagegen gab es helle Empörung.
Der Reflex, neue Gedanken und Ideen entrüstet zurückzuweisen, ist in der öffentlichen Diskussion auf Schritt und Tritt zu beobachten. Jede Finanzierungsidee für künftige gesellschaftliche Aufgaben wie etwa Infrastrukturen wird auf die Schlagzeile verkürzt oder verfälscht: Bahnfahren, Autofahren, Strom oder was auch immer: „wird teurer!“
Schlimmer noch scheint mir aber, dass immer öfter die Urheber von solchen Ideen verunglimpft, persönlich attackiert und diskreditiert werden. Natürlich müssen wir nicht jede neue Idee begeistert bejahen. Bloss ist das kein Grund, auf den Mann oder die Frau zu spielen, denn: Eine Demokratie braucht auch neue und ungewohnte Ideen und Meinungen, irritierende zuweilen, solche, die nach ausgiebiger Diskussion vielleicht auch wieder verworfen werden müssen. Aber dass sie überhaupt nicht erst geäussert werden, aus Furcht, das öffentliche Denken werde abgestraft, kann niemals der Sinn einer aufgeklärten Demokratie sein. Die Hoffnung, eine solche sein zu wollen, sollten wir nicht aufgeben.
In diesem Sinne hoffe ich auf eine etwas offenere Haltung im nächsten Jahr und widme zur Illustration dieses Wunsches den Besucherinnen und Besuchern meines Blogs meine Neujahrskarte, die mir wie jedes Jahr mein Bruder Dieter gemalt hat.
Bis bald
Moritz Leuenberger
PS: Aufgrund der Schliessung der Blog-Plattform der Swisscom musste ich für meinen Blog eine neue Bleibe suchen. Neu findet man den Blog unter www.moritzleuenberger.net. Sie werden einige kleine Änderungen im Bereich der Navigation und der Grafik, die nun flexibel angepasst werden kann, feststellen.


