Sonnenflugzeug - Baumeister - Kunst: Eine Rundreise durch drei Schweizer Welten

[Version française: Avion solaire - contruction - art: Un voyage à travers trois univers suisses]

Bildquellen: Keystone/Walter Bieri - Wikipedia - Fotolia/Antonio Guariglia

Letzten Freitag drei Anlässe an einem Tag, sie hätten unterschiedlicher nicht sein können:

  • Erster Anlass: Solar Impulse in Dübendorf. Bertrand Piccard und sein Partner André Borschberg präsentieren das erste Solarflugzeug, das die Erde ohne jeden fossilen Treibstoff umrunden soll. Ein globalisierter Grossanlass. Medienvertreter aus allen Kontinenten. Minutiöse Inszenierung mit den CEOs der Sponsorfirmen. Alles verbreitet sich auf Hunderten von TV- und Internetkanälen. Die perfekte Vermarktung für ein wichtiges Symbol, für die Solarenergie und für schweizerischen Pioniergeist. Beim Fotoshooting zupft der Omega-Chef Piccards Ärmel hoch, damit die Welt seine Uhr am Handgelenk auch sieht. Jo Ackermann preist die Deutsche Bank als nachhaltiges Institut an. Auch mein Auftritt: kurz, einschlägig, suggestiv. Die mehr oder weniger selben Sätze nachher noch in unzählige Mikrophone. Immer wieder mischen sich auch Fragen zu Michael Jacksons Tod darunter. „Natürlich bin ich nachdenklich“, sage ich, „doch er war nicht der Typ, der leben mochte; erinnerte mich stets auch an Tut ench Amun, den Pharaonenkönig, der ewig jung sein wollte. Nun ist auch Michael Jackson jung in die Ewigkeit.“ Auch solche Sätze gehen jetzt zusammen mit dem Bekenntnis zur Solarenergie in den Äther. Ein Anlass, der die Schweiz mitten in der Welt und ihrem Geschehen zeigt, an dem unser Land auch teilhaben und es prägen will.

  • Ganz anders der zweite Auftritt: Schweizerischer Baumeisterverband. Marschmusik, wohl überwiegend bürgerlich orientierte Berufsleute, die sich von mir die Verwandtschaft zwischen Realpolitik und Baumeisterei, insbesondere aber die Konjunkturlage und die Finanzierung unserer grossen Bauvorhaben darlegen lassen. Konstruktive, fröhliche Atmosphäre. Wohl kennen wir unsere Differenzen (Partikelfilter an Baumaschinen, Verbandsbeschwerde), doch wir sprechen sie an und beide Seiten wissen: Die Schweiz entwickelt sich dank des politischen Kompromisses.

  • Nochmals eine andere Schweiz beim dritten Anlass: Kunstausstellung Trubschachen im Emmental. Sage und schreibe achthundert Menschen kommen zur Eröffnung einer Ausstellung über klassische Kunst. Fast vierhundert Freiwillige haben in unzähligen Stunden für diese Ausstellung gearbeitet. Die Kunst ist in die Region geholt worden, geliehen von privaten Besitzern und grossen Museen. Ein symbolischer Anlass für den Einsatz der Bürgerinnen und Bürger für die Schweiz und ein symbolischer Anlass zugleich für die grosse Bedeutung der Kultur als Kitt und als die bedeutendste Infrastruktur unserer Gesellschaft.

Eine Rundreise durch drei Schweizer Welten, die an einem einzigen Tag unsere kulturelle Vielfalt allein schon nur in der Deutschschweiz zeigt. Innovation und Weltoffenheit, Wille zur politischen Zusammenarbeit und die Begeisterung, sich freiwillig für Kultur einzusetzen.

Es ist schön, die Hoffnung, welche diese Schweiz verströmt, immer wieder zu entdecken und daran mitzuarbeiten.

Bis bald
Moritz Leuenberger



Vom Zehnten zur Reformation

[Version française: De la dîme à la Réforme]

Calvin-Gotthard (Bildquellen: Wikimedia - KEYSTONE/Gaetan Bally)

Innerhalb weniger Tage zwei völlig verschiedene Feiern: 500 Jahre Calvin in Genf und der vorletzte Durchschlag des längsten Tunnels der Welt im Gotthardmassiv, und zwei völlig verschiedene Reden. Eine lange und lang erarbeitete für Calvin, eine freudige spontane im Gotthard . Und doch haben beide etwas Gemeinsames:

  • Calvin sagte: „Der Mensch ist zur Tätigkeit, nicht zur trägen Untätigkeit bestimmt.“
  • An der Gotthardfeier betonte ich gegenüber all den Zweiflern und Nörgelis, welche das Projekt seit Jahren als undurchführbar verspotteten: „Wir können es, weil wir es wollen!“
    Eine Losung der Aufklärung, die ihrerseits Wurzeln in Calvins Überzeugung hat.
  • Damit Arme und Arbeitslose Beschäftigung fänden, nahm Calvin vor 500 Jahren die Politik und die Wirtschaft in die Pflicht. Er bewegte die Stadt Genf zu einem Kredit für die Errichtung einer Tuch- und Samtfabrikation. Später übernahm die Uhrenindustrie diese Funktion. Inspiriert von Calvin tat Genf damals, was in Zeiten der Krise noch heute aktuell ist, es liess mit Konjunkturpaketen die Wirtschaft erblühen. Das war Ankurbelung der Konjunktur.
  • Tatsächlich brauchen wir nicht nur eine nachhaltige Verkehrspolitik, sondern auch eine nachhaltige Konjunkturpolitik, wie ich das in Genf ausführlich darzulegen versuchte.

Es ist ohne jeden Zweifel sehr anerkennenswert vom eigenen Ernteertrag den Zehnten zu opfern (eine Politaugurin hat ja auch schon Beifall gestämpfelt).
Für echte Nachhaltigkeit braucht es aber vielleicht doch etwas mehr.
Eine Reformation.

Bis bald
Moritz Leuenberger



Leseschwacher Mister Schweiz

[Version française: Les difficultés de lecture de Mister Suisse]
Mister Schweiz Andre Reithebuch
Mister Schweiz Andre Reithebuch (KEYSTONE/Christoph Stulz)

Zu den Missen der Schweiz habe ich mich hier ja schon mal geäussert und sie als leuchtendes Beispiel für Bundesratswahlen dargestellt. Heute will ich dem amtierenden Mister Schweiz gerne Trost spenden. Ich habe ihn schon vor einer Woche lobend erwähnt, ohne ihn allerdings je gesehen zu haben, zappte dann aber zufälligerweise in eine Diskussion, und hörte, wie er sich zu seiner Leseschwäche äusserte. Zunächst ein Lob auf TeleZüri. Wenn dort ein Moderator ist, der seine Gegenüber im Grunde genommen gern hat und nicht von ständiger Empörung getrieben ist, kann auch bei einem privaten Sender eine wunderbare Service-Public-Leistung spriessen.

Zu unserem leseschwachen Mister Schweiz: Was ist denn das für eine elitäre Empörung, die da gepflegt wird, er sei lesefaul oder er könne nicht gut lesen. Ist es nicht traurig, dass diese Leseschwäche verborgen werden muss, weil sie als Makel verstanden wird? Treibt das nicht eben gerade eine Spirale an mit der Folge, dass sich die Leseschwäche noch verschlimmert und der Betroffene zu immer noch raffinierteren Verschleierungstaktiken greifen muss?

Wer etwas nur mit Mühe und Pein versteht, dringt oft sehr viel gründlicher in die Materie, als wer es ohne Probleme kann. Es gibt ein Buch mit dem Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“, das dies wunderbar beschreibt. Ich kenne viele Menschen, die verschlingen Bücher um Bücher und wecken doch Zweifel, ob sie all die Literatur, die sie verschlingen, auch wirklich verdauen können. Gewiss war ich schon im Literaturclub und habe schon Bücher herausgegeben, aber ich tue mich oft schwer mit Lesen. Bücher lese ich langsam, und ich lese gar nicht dermassen viele. Regelmässig schleppe ich auf Reisen oder in die Ferien mehrere Bücher mit und bringe die meisten ungelesen wieder nach Hause. Ein Buch soll ja zu einem Dialog zwischen Autor und Leser führen. Dazu braucht es aber zwei. An der Leseunlust vieler Menschen ist wohl auch die wenig leserfreundliche Sprache vieler Texte schuld. Manche Berichte meiner Fachleute verstehe ich nicht, selbst wenn ich sie zweimal lese. Oft kann ich sie erst begreifen, wenn ich nachgefragt habe und mir alles mündlich erklären liess. Erst dann kann ich den Inhalt auch weitervermitteln. Meine Steuererklärung lasse ich durch einen Fachmann ausfüllen.
Auch Politiker lesen oft nur die Überschriften in den Zeitungen, was sie aber nicht daran hindert, dann trotzdem zum Thema zu sprechen (auch das behandle ich übrigens in meinem Buch über die Lüge und die List). Hand aufs Herz: Wem von uns geht es nicht manchmal so? Und es gibt Politiker, bei denen wir uns nicht so sicher sind, wie gut sie eigentlich wirklich lesen können. Trotzdem wurden sie gewählt. Oder besser: Vielleicht wurden sie in stiller Solidarität eben gerade aus Protest gegen die geschliffenen Rhetorikoberklasse gewählt. Das gehört auch zur Demokratie: sich vertreten zu lassen durch einen oder eine, die „so ist wie wir.“ Seit wann wählen wir einen Mister und eine Miss Schweiz, weil er oder sie Lese- oder gar Literaturhelden wären? Sie werden doch gewählt, weil sie gut aussehen und gut repräsentieren können.
Dass sich jetzt auch der „Dachverband Lesen und Schreiben Schweiz“ dem neuen Mister Schweiz annimmt (dessen Präsident Roger Nordmann in TeleZüri überzeugend auftrat), um die Erwachsenenbildung zu fördern, zeigt, was es bewirken kann, wenn eine öffentliche Person zu ihren Eigenarten steht. Einen Mister Schweiz mit einer so grossen politischen Wirkung hat es wohl noch gar nie gegeben. Und wenn er diesen Blog nicht lesen will oder kann, verstehe ich ihn gut. Er will wohl nicht von jedermann vereinnahmt werden. Aber umgekehrt gestehe ich meine Solidarität mit ihm ganz gerne: Ich tue mich manchmal auch schwer mit Lesen.

Bis bald
Moritz Leuenberger

PS: Dieser Blogbeitrag blieb nicht ohne Folgen. André Reithebuch hat sich über meine Unterstützung sehr gefreut und mich im Bundeshaus Nord besucht. Wie unsere Begegnung verlaufen ist, lesen Sie unter www.blick.ch.


Politik kann Berge versetzen

[Version française: La politique peut soulever des montagnes]
Ponte del diavolo
Die Teufelsbrücke, 1824, Aquarell von Peter Birmann (Bildquelle: Wikimedia)

Das dichte Programm Genua – Berlin – Leipzig von letzter Woche hatte trotz der verschiedenen Themata Gemeinsamkeiten: In Genua ging es um die Bahnverbindung Rotterdam – Genua, eine der Nord – Südverbindungen auf der Schiene. Um diese effizient und konkurrenzfähig zur Strasse zu betreiben, müssen bürokratische und technische Hindernisse zwischen den einzelnen Ländern abgebaut und harmonisiert werden (Zollformalitäten, Informatiksysteme, gegenseitige Anerkennung von Ausweisen, von Lokführern, zum Beispiel). 2001 schloss ich mit der damaligen holländischen Verkehrsministerin auf der NEAT-Baustelle eine Vereinbarung ab, der sich dann Deutschland und Italien anschlossen. In der Zwischenzeit ist sehr viel passiert, doch bedurfte es einer neuen Zusammenkunft, um diese Harmonisierung weiter voranzutreiben. Zentral bleiben natürlich die Infrastrukturen selber. Da steht ausser jedem Zweifel, dass die Schweiz Pionierarbeit leistet. Bei den anderen wichtigen Nord-Süd-Verbindungen, Lyon-Turin und Brennerbasistunnel, wird wohl auf Jahre hinaus nichts Konkretes sichtbar werden. Demgegenüber ist der Lötschbergtunnel in Betrieb, und in wenigen Tagen können wir den vorletzten Durchstich am Gotthardbasistunnel feiern. Dass die Schweiz hier tatsächlich vorangegangen ist und ihr Programm termingerecht durchziehen kann, lobten meine Verkehrsministerkollegen in Genua mit aufrichtiger Bewunderung als verlässlichen Beweis für unseren Beitrag zum europäischen Infrastrukturnetz der Bahnen.
In Berlin wollte der Umweltausschuss des Bundestages wissen, wie wir den Standort des Tiefenlagers für nukleare Abfälle auswählen und ihn für eine Volksabstimmung mehrheitsfähig machen. Gleichzeitig interessierte natürlich, wie die deutsche Seite in diese Standortwahl einbezogen wird. Umweltminister Siegmar Gabriel pries unser Modell als Ausweg für die verfahrene Situation in Gorleben und als Modell für Deutschland.
In Leipzig schliesslich wurde die Schweiz auf vielen Podien und in manchen Voten und Reden für ihre Verlagerungspolitik beinahe enthusiastisch gelobt. Die LSVA und die Finanzierung unserer grossen Infrastrukturen wurden als modellhaft gepriesen.
Daraus ziehe ich drei Schlüsse:

  • Die Politik der Schweiz wird im Ausland als Pionierarbeit, als innovativ und als nachhaltig wahrgenommen.
  • Die Schweiz gestaltet Europa mit, obwohl sie nicht Mitglied der EU ist, und dies wird von unseren Nachbarn sehr geschätzt. Diese Tatsache darf und soll den Vorwürfen parasitärer Steuer- und Finanzpolitik entgegenhalten werden.
  • Nicht nur wir bewegen uns, sondern auch unsere Nachbarn: Die Entschlossenheit, mit der der EU-Kommissar die Verlagerungspolitik vertritt, zeigt doch einen sehr grossen Wandel, gemessen am damaligen Widerstand der EU gegen unsere Politik bei den Verhandlungen um das Landverkehrsabkommen. Und die Haltung des Verkehrsministers aus den USA verdient auch erwähnt zu werden: Minister aus der Bush-Regierung umgaben sich an internationalen Konferenzen mit Dutzenden von recht rüpelhaften Bodyguards und äusserten sich inhaltlich sehr überheblich und arrogant. Der neue Minister setzte sich völlig normal mit uns an den Tisch und versprach öffentlich, die USA wollten Eisenbahnen nach europäischem Vorbild bauen. Und er schwärmte von der Zukunft mit Elektromobilen. Wahlen können einen Wechsel bedeuten, betonte er immer wieder.

Fazit: Politik kann Vieles ändern. Manchmal versetzt sie sogar Berge.

Bis bald

Moritz Leuenberger