Slumdog

[Version française: Slumdog]



Nun hat also Slumdog Millionaire kräftig Oscars abgeräumt. Als Folge wird er noch grössere Zuschauer anlocken und noch mehr diskutiert werden. Obwohl ich ja Filme und Theaterstücke immer politisch sehe, habe ich, ganz ehrlich gesagt, die politische Brisanz des Filmes etwas unterschätzt. Schon nur der Titel: Dass Slumdog ja wörtlich Slumhunde heisst und also Slumbewohner beleidigen muss, habe ich erst anlässlich der jetzigen Polemik richtig realisiert. Kenner wehren sich zum Beispiel gegen die Sequenz, in der ein Junge geblendet wird, damit er als Bettler mehr einträgt. „So etwas gibt es bei uns nicht.“, sagen sie. Dass für Inder zudem die Szene, in der ein Junge aus einer Latrine in einen Kothaufen springt, ebenfalls eine Beleidigung sein muss, leuchtet uns im Westen, die wir bei der Szene naiv und unpolitisch schmunzeln, auch erst ein, wenn wir erfahren, dass es gar keine derartigen Kothaufen gebe.
„Vieles hat sich ja bei uns zum Besseren gewandelt“, betonen Sozialarbeiter, die in indischen Slums arbeiten. Es ist offensichtlich: Viele wollen die grossen Probleme im Land lieber selber regeln als unter dem spöttischen Gelächter der ganzen Welt.
Hand aufs Herz: Das geht auch anderen so.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Relative Ruhezone

[Version française: La relativité de l'espace silence]
Ruhewagen-Abteil ©Photo CFF

Die vorgeschriebene Ruhe in den Ruhewagen der SBB wird ziemlich verschieden interpretiert. So telefonierte letzte Woche ein Chefredaktor einer Schweizer Boulevardzeitung von Aarau bis Zürich recht ungeniert, wenn auch mit relativ gedämpfter Stimme. Es fand sich kein Ruhepolizist, der ihn gütig ermahnt hätte, auch ich wagte das nicht - aus Angst vor einer relativ stark zugespitzten Story, die mit Sicherheit erschienen wäre. Als ich in derselben Woche meine Sitznachbarn, die im Ruhewagen unentwegt flüsterten und kicherten, mit strafendem Blick anschaute, waren diese äusserst ungehalten und fanden, Flüstern sei doch wenigstens erlaubt. Aber das ist die Relativität der Ruhe und des Lärms: Zischendes Flüstern wirkt in totaler Ruhe wie lautes Kreischen in einem normalen Geräuschpegel. In derselben Woche traf ich den Bundespräsidenten im Ruhewagen an. Der Zug stand noch im Bahnhof und es folgte eine Lautsprecherdurchsage der anderen (die friendly staff würde uns in der Mitte des Zuges mit köstlichen Mahlzeiten verwöhnen etc, alles in drei Sprachen), weswegen wir uns stimmhaft begrüssten. Sofort wurden wir von einem hochdeutsch sprechenden Bahnkunden zurechtgewiesen: Die Ruhevorschrift gälte auch im Bahnhof und schon während des Betretens des Wagens. Wir unterzogen uns dieser Interpretation sofort, schliesslich haben wir ja das Privileg, dass es im Bundeshaus Sprechzonen gibt. Schwieriger wurde es, als uns während der Fahrt der bolivianische Servicemann der Minibar mit relativ kräftiger Stimme ansprach:„Buenos dias Señor Moritz y Señor Marz!“ Unser Bundespräsident spricht hervorragend spanisch und bestellte Kaffee, wogegen der deutsche Mitpassagier nicht opponierte. Vielleicht relativierte er aus Bewunderung über die Sprachkenntnisse des Señor Marz sein Ruhebedürfnis.

Die Relativität spielt bei den SBB ohnehin eine nicht unbedeutende Rolle. Denken wir an das relativ umstrittene Projekt einer Preisgestaltung je nach Tageszeiten: Wären in diesem Sinne Preise ausserhalb der Stosszeiten billiger oder wären diejenigen in den Stosszeiten teurer? Das ist eben Relativitätstheorie.

Auch sie wurde ja bekanntlich von Albert Einstein in einem fahrenden SBB-Zug erfunden, als ein Mädchen fragte: „Wann hält eigentlich der nächste Bahnhof?“

Und über die Relativität der Pünktlichkeit sprechen wir vielleicht besser ein anderes Mal.

Bis relativ bald

Moritz Leuenberger


Legitime Schulden

[Version française: Un endettement légitime]

Rail
Bild: UVEK

„Niemals dürfen wir Wirtschaftsförderung und Klimaschutz gegeneinander ausspielen!“
„Es wäre der fatalste Fehler, wenn wegen der weltweiten Rezession unsere Bemühungen um CO2-Reduktion erlahmen würden!“
Das und Ähnliches höre ich an all den UNO – Konferenzen, Klimagipfeln und Umweltkongressen von Poznan über Abu Dhabi und Bonn nach New Delhi - und ich werde es gewiss auch nächste Woche wieder in Nairobi hören….. und ich werde es auch selber sagen. Bemerkenswert an diesen Beschwörungen ist aber für mich weniger der Inhalt, sondern dass sie längst nicht mehr nur von Umweltministern zu vernehmen sind. An Klimakonferenzen vertreten ihre Länder immer mehr Aussen-, Energie-, Wirtschafts-, Verkehrs-, Agrar-, ja Verteidigungsminister (in Japan waren das Umwelt- und das Verteidigungsministerium zusammengelegt. In den USA haben Generäle den Klimawandel als langfristig schlimmste Sicherheitsbedrohung skizziert.)
Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit, nämlich die Konvergenz von sozialen Interessen (deshalb die Entwicklungs- oder Verteidigungsminister), von wirtschaftlichen Interessen (deshalb die Energie- und Wirtschaftsminister) und von Umweltanliegen (deshalb die Agrar- und Umweltminister) gewinnt an Boden.
Auch im Bundesrat.
Deswegen entfallen rund zwei Drittel des Konjunkturankurbelungsprogramms auf das UVEK:

  • 30 Mio für Fernwärmepumpen
  • 10 Mio für den Ersatz von Elektroheizungen
  • 10 Mio für Photovoltaikanlagen
  • 24 Mio für kantonale Projekte zugunsten der Biodiversität
  • 320 Mio für SBB und Privatbahnen
  • 32 Mio für Strassenprojekte

Wer erneuerbare Energien fördert, erschliesst neue Wirtschaftszweige, schafft Arbeitsplätze und trägt drosselt gleichzeitig den CO2-Ausstoss und unsere Abhängigkeit vom Öl.
Investitionen in den Klimaschutz sind Investitionen zugunsten künftiger Generationen. Gleiches gilt für Investitionen in die Infrastrukturen wie Bahn und Strassen. Um sie zu verwirklichen, ist es absolut legitim, wenn sich der Staat vorübergehend verschuldet. Denn den künftigen Generationen, die von ihnen profitieren werden, darf zugemutet werden, später ihrerseits etwas für sie zu bezahlen. Das ist der Unterschied zu Staatsschulden, die wir zum Beispiel entstehen lassen, weil wir die Sozialwerke nicht ausfinanzieren oder Steuern senken. Davon profitiert einzig und allein unsere heutige Generation; bezahlen werden die aufgelaufenen Schulden aber unsere Nachkommen. Deswegen sind Schulden zugunsten von künftigen Infrastrukturen oder für den Umweltschutz legitimer als solche für Werke, von denen nur wir selber heute profitieren.

Bis bald
Moritz Leuenberger

PS: Den Kommentaren entnehme ich, dass viele von mir eine Stellungnahme zu den UBS- Boni erwarten. Ich empfehle dazu den Artikel von Daniel Binswanger im Magazin des Tages-Anzeigers vom 7./8. Februar - in Verbindung mit dem Buch Lüge, List und Leidenschaft, S. 24 unten.