8. Februar: Weniger Pflegepersonal - dafür mehr 60-Tönner?
[Version française: 8 février: vers une diminution du personnel soignant et un déferlement de 60 tonnes?]

Bild: Wikipedia
Die Diskussionen über die Personenfreizügigkeit, über welche wir am 8. Februar abstimmen, drehen sich vor allem um wirtschaftliche Argumente, also um die Probleme für viele Branchen, die dringend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind. Unser Wachstum und die 250‘000 neu entstandenen Arbeitsplätze in den letzten Jahren sind ja nicht zuletzt durch den freien Personenverkehr mit der EU möglich geworden.
Ein Nein zum freien Personenverkehr hätte aber noch ganz andere Folgen, die mir als Energie- und Verkehrsminister Sorgen machen: Bei einem Nein würde nämlich das erste Paket der bilateralen Verträge mit der EU aufgelöst. Gewiss würden wir alles versuchen, sie auf irgendeine Weise dennoch zu retten, doch ist das gar nicht so leicht, weil die Verträge nach einem Schweizer Nein automatisch ausser Kraft treten. Wir müssten für die Neuverhandlung das gegenseitige Einverständnis mit der EU finden. Ganz abgesehen davon, dass dann die unselige Verknüpfung mit dem Steuerdossier versucht würde, gibt es in der EU auch Kräfte, die gerade in der Verkehrpolitik etwas anderes wollen.
Das Landverkehrsabkommen mit der EU hat unsere Verlagerungspolitik von der Strasse auf die Schiene erst möglich gemacht. Erst nach langen und harten Verhandlungen hat die EU einer Schwerverkehrsabgabe (LSVA) zugestimmt, die Schweiz hat im Gegenzug die Gewichtslimite für Lastwagen von 28 auf 40 Tonnen erhöht. Dank der LSVA können wir zwei leistungsfähige Flachbahnen durch die Alpen und am Gotthard den längsten Eisenbahntunnel der Welt bauen, denn ein wesentlicher Teil der LSVA-Einnahmen stammt von ausländischen Transporteuren. Und dank dieser Abgabe fahren heute weniger Lastwagen durch unser Land als vor neun Jahren. Inzwischen hat auch die EU erkannt, dass der Verkehrskollaps auf den europäischen Strassen nur noch durch eine Verlagerung der Güter auf die Bahn verhindert werden kann. Sie orientiert sich dabei ausdrücklich am Schweizer Modell. Die Besucher meines Bloges wissen es: Vor einer Woche hat mir EU-Verkehrskommissar Antonio Tajani den politischen Preis der Europäischen Eisenbahnvereinigung verliehen – und bei dieser Gelegenheit die nachhaltige Schweizer Verkehrspolitik ausdrücklich gelobt.
Ich nehme daher nicht an, dass die EU die LSVA rückgängig machen will. Aber es gibt innerhalb der EU auch Lobbys und Länder, die gar keine Freude an der LSVA haben und die die Gelegenheit nutzen wollen, diese Errungenschaft wieder abzubauen. Vor allem steht zur Diskussion, 60-Tönner, die in der EU immer verbreiteter werden, auch in der Schweiz durchzusetzen. In der Schweiz gibt es ja auch Widerstand gegen unsere Verkehrspolitik: Zahlreiche Transporteure und die ASTAG sind bis ans Bundesgericht gelangt, um die von den Stimmbürgern ausdrücklich beschlossene letzte Stufe der LSVA anzufechten. Das Nein zur Personenfreizügigkeit und die Auflösung des Landverkehrsabkommens dürften daher wohl manche unheiligen Allianzen beflügeln, wie ich sie damals bei den Verhandlungen um das Landverkehrabkommen intensiv erlebt habe. Würde das Referendum angenommen, wäre also unsere Verlagerungspolitik und alles bisher Erreichte gefährdet. Und dies, obwohl die Verlagerungspolitik an der Urne mehrfach bestätigt worden ist.
Auch in der Luftfahrt hätte ein Nein gravierende Folgen. Ohne das Luftverkehrsabkommen mit der EU könnte die Swiss wirtschaftlich kaum überleben und leider hilft es da gar nichts, dass sie der Lufthansa gehört. Zwar würden hier die früheren Abkommen mit einzelnen Staaten wieder gelten, welche Linienflüge in diese Länder ermöglichen. Aber der Swiss bliebe der Zugang zum innereuropäischen Streckennetz weit gehend verwehrt. Konkret könnte sie zwar noch Flüge von Zürich nach Berlin anbieten, aber keine Weiterflüge nach Stockholm oder Helsinki, auch keine Flüge von Rom nach Paris. Wieso sind Bund und Kantone nach dem Grounding der Swissair mit 2 Milliarden eingesprungen? Weil eben der Luftverkehr mit zahlreichen anderen Zulieferbetrieben verbunden ist und weil sie für die Standortwahl von Firmen ausschlaggebend ist.
Und noch etwas: Skyguide, unsere nationale Flugsicherung, hätte bei der Neuorganisation des Europäischen Luftraums kaum mehr die Möglichkeit, eine tragende Rolle zu spielen. Gerade sie ist aber auf eine enge Zusammenarbeit mit den EU-Ländern angewiesen, um ihre Existenz sichern zu können. Nicht zu vergessen: Mit dieser Existenz sind auch zahlreiche Arbeitsplätze verbunden.
So ist die Abstimmung über die Personenfreizügigkeit bei genauerem Hinsehen eben auch eine Abstimmung über unsere Schweizer Verkehrspolitik und insbesondere über die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene und damit auch über unsere Umwelt- und Klimapolitik.
Bis bald
Moritz Leuenberger

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Die Diskussionen über die Personenfreizügigkeit, über welche wir am 8. Februar abstimmen, drehen sich vor allem um wirtschaftliche Argumente, also um die Probleme für viele Branchen, die dringend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind. Unser Wachstum und die 250‘000 neu entstandenen Arbeitsplätze in den letzten Jahren sind ja nicht zuletzt durch den freien Personenverkehr mit der EU möglich geworden.
Ein Nein zum freien Personenverkehr hätte aber noch ganz andere Folgen, die mir als Energie- und Verkehrsminister Sorgen machen: Bei einem Nein würde nämlich das erste Paket der bilateralen Verträge mit der EU aufgelöst. Gewiss würden wir alles versuchen, sie auf irgendeine Weise dennoch zu retten, doch ist das gar nicht so leicht, weil die Verträge nach einem Schweizer Nein automatisch ausser Kraft treten. Wir müssten für die Neuverhandlung das gegenseitige Einverständnis mit der EU finden. Ganz abgesehen davon, dass dann die unselige Verknüpfung mit dem Steuerdossier versucht würde, gibt es in der EU auch Kräfte, die gerade in der Verkehrpolitik etwas anderes wollen.
Das Landverkehrsabkommen mit der EU hat unsere Verlagerungspolitik von der Strasse auf die Schiene erst möglich gemacht. Erst nach langen und harten Verhandlungen hat die EU einer Schwerverkehrsabgabe (LSVA) zugestimmt, die Schweiz hat im Gegenzug die Gewichtslimite für Lastwagen von 28 auf 40 Tonnen erhöht. Dank der LSVA können wir zwei leistungsfähige Flachbahnen durch die Alpen und am Gotthard den längsten Eisenbahntunnel der Welt bauen, denn ein wesentlicher Teil der LSVA-Einnahmen stammt von ausländischen Transporteuren. Und dank dieser Abgabe fahren heute weniger Lastwagen durch unser Land als vor neun Jahren. Inzwischen hat auch die EU erkannt, dass der Verkehrskollaps auf den europäischen Strassen nur noch durch eine Verlagerung der Güter auf die Bahn verhindert werden kann. Sie orientiert sich dabei ausdrücklich am Schweizer Modell. Die Besucher meines Bloges wissen es: Vor einer Woche hat mir EU-Verkehrskommissar Antonio Tajani den politischen Preis der Europäischen Eisenbahnvereinigung verliehen – und bei dieser Gelegenheit die nachhaltige Schweizer Verkehrspolitik ausdrücklich gelobt.
Ich nehme daher nicht an, dass die EU die LSVA rückgängig machen will. Aber es gibt innerhalb der EU auch Lobbys und Länder, die gar keine Freude an der LSVA haben und die die Gelegenheit nutzen wollen, diese Errungenschaft wieder abzubauen. Vor allem steht zur Diskussion, 60-Tönner, die in der EU immer verbreiteter werden, auch in der Schweiz durchzusetzen. In der Schweiz gibt es ja auch Widerstand gegen unsere Verkehrspolitik: Zahlreiche Transporteure und die ASTAG sind bis ans Bundesgericht gelangt, um die von den Stimmbürgern ausdrücklich beschlossene letzte Stufe der LSVA anzufechten. Das Nein zur Personenfreizügigkeit und die Auflösung des Landverkehrsabkommens dürften daher wohl manche unheiligen Allianzen beflügeln, wie ich sie damals bei den Verhandlungen um das Landverkehrabkommen intensiv erlebt habe. Würde das Referendum angenommen, wäre also unsere Verlagerungspolitik und alles bisher Erreichte gefährdet. Und dies, obwohl die Verlagerungspolitik an der Urne mehrfach bestätigt worden ist.
Auch in der Luftfahrt hätte ein Nein gravierende Folgen. Ohne das Luftverkehrsabkommen mit der EU könnte die Swiss wirtschaftlich kaum überleben und leider hilft es da gar nichts, dass sie der Lufthansa gehört. Zwar würden hier die früheren Abkommen mit einzelnen Staaten wieder gelten, welche Linienflüge in diese Länder ermöglichen. Aber der Swiss bliebe der Zugang zum innereuropäischen Streckennetz weit gehend verwehrt. Konkret könnte sie zwar noch Flüge von Zürich nach Berlin anbieten, aber keine Weiterflüge nach Stockholm oder Helsinki, auch keine Flüge von Rom nach Paris. Wieso sind Bund und Kantone nach dem Grounding der Swissair mit 2 Milliarden eingesprungen? Weil eben der Luftverkehr mit zahlreichen anderen Zulieferbetrieben verbunden ist und weil sie für die Standortwahl von Firmen ausschlaggebend ist.
Und noch etwas: Skyguide, unsere nationale Flugsicherung, hätte bei der Neuorganisation des Europäischen Luftraums kaum mehr die Möglichkeit, eine tragende Rolle zu spielen. Gerade sie ist aber auf eine enge Zusammenarbeit mit den EU-Ländern angewiesen, um ihre Existenz sichern zu können. Nicht zu vergessen: Mit dieser Existenz sind auch zahlreiche Arbeitsplätze verbunden.
So ist die Abstimmung über die Personenfreizügigkeit bei genauerem Hinsehen eben auch eine Abstimmung über unsere Schweizer Verkehrspolitik und insbesondere über die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene und damit auch über unsere Umwelt- und Klimapolitik.
Bis bald
Moritz Leuenberger



