Eine Weihnachtsgeschichte und ein Neujahrswunsch

Heiligabend, 24. Dezember, Einkaufen in der Migros. Seit Jahren benutze ich ein Plastikkörbchen. Ich kann mich mit ihm schneller durch die vielen Leute bewegen, es genügt zudem für unseren Bedarf vollauf und sein begrenztes Volumen bremst übermässigen Kaufrausch. Nun habe ich aber die erweiterte Familie zu Besuch und es stehen mehrere Feiertage bevor, so dass ich ausnahmsweise nach einem Einkaufswägelchen spähe, erfolglos allerdings, was ich auf die grosse Nachfrage zurückführe. Von einer Kasse her wird endlich ein leeres Wägelchen gesteuert und ich frage den mir unbekannten Mann, der sich einen Weg durch das Gewühl bahnt: „Darf ich Ihr Wägelchen gleich erben?“ und strecke, seine freudige Zusage auf mein Angebot als selbstverständlich vorwegnehmend, meine Hand nach dem Einkaufsgefährt aus. Doch ich merke, dass der Mann etwas irritiert ist, sich erst nach einigem Zögern überwindet und schliesslich sagt: „Also gut, der Bund braucht ja schliesslich Geld.“ Das verstehe ich wiederum nicht ganz und antworte: „Ich verkaufe diesen Wagen ja nicht, ich gebe ihn dann auch weiter.“ Wir wünschen uns gegenseitig frohe Weihnachten, ich kaufe für all die Festtage ein und halte nach dem Bezahlen an der Kasse meinerseits Ausschau auf einen Wägelierben, doch niemand interessiert sich. Ich verstaue also den rollenden Einkaufskorb, kette ihn an die parkierte Wägelireihe und, oh Wunder, ein Fränkler spickt mir aus dem Handgriff entgegen! Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Da steckt ja ein Pfand drin, um dessen Rückgabe ich den freundlichen Herrn gebracht habe!
Es ist nur ein kleiner Trost, dass ich vor lauter Scham den Fränkler, etwas aufgerundet, wie ich betonen will, bei der nächsten Heilsarmeekollekte weitergebe, denn der freundliche Unbekannte muss glauben, ich zocke wie ein Landvogt kraft meines politischen Ranges das darbende Volk ab und erschleiche mir auf diese Weise erkleckliche Boni (würde ich das täglich einmal tun, ergäbe es ja immerhin mehr als 300 Franken). Ich kann nur hoffen, er lese diesen Blog oder erfahre auf irgendeine Weise von ihm und meiner Unwissenheit, mit der ich mich allerdings kaum verteidigen kann, „error in iure nocet“, Rechtsirrtum schadet, wie schon die römische Jurisprudenz lehrt. Ich kann also nur auf Vergebung hoffen, zu der sich der pfandgeprellte Unbekannte angesichts des Festes der Liebe durchringen möge. Selbstverständlich erstatte ich ihm den Pfandbeitrag nebst moralischen Zinsen im kommenden neuen Jahr gerne zurück.
Das soll allerdings nicht mein einziger Vorsatz zum neuen Jahr sein.
Ich bin zunächst froh, dass die SVP wieder im Bundesrat vertreten ist. Seit jeher bin ich der Überzeugung, dass die grossen politischen Kräfte in der Regierung mitarbeiten müssen, auch wenn das zu Spannungen zwischen den Regierungsmitgliedern und ihrer politischen Basis führen kann. Das kommt in jeder Partei vor und gehört zu unserer direkten Demokratie. Diese lässt die systematische Opposition einer in die parlamentarische Arbeit eingebundenen Partei nicht zu. Dass die SVP es nur gerade ein Jahr erfolglos versuchen konnte, beweist das. Das neu gewählte Mitglied wird eine neue Rolle übernehmen und das sollte eigentlich auch gelingen. Die Rolle und ihre Verantwortung prägen ja immer auch den Menschen und seine Arbeit. Sehr eindrücklich legt das Jean Anouilh im Theaterstück „Beckett oder die Ehre Gottes“ dar: Der König glaubt, durch die Wahl seines Freundes zum Erzbischof von Canterbury seine Macht ausweiten zu können, doch Freund Beckett wächst in seine neue Verantwortung und stellt sich schliesslich gegen die weltliche Macht des Königs und verteidigt die Ehre Gottes. Das führt zur dramatischen Entzweiung der einstigen Freunde. Dass wir durch die Rolle, die wir in der Gesellschaft übernehmen, geprägt werden, ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Würde nur gerade die Rolle uns prägen, gäbe es ja gar keine politische Veränderung. Deswegen versucht natürlich jeder Politiker, auch die Rolle, die er übernimmt, zu verändern. Das wird der neue Bundespräsident ebenso tun wie das neue Mitglied des Bundesrates.
Auf jeden Fall gehört zu unseren Rollen, die Solidarität in unserem Land in diesen unsicheren Zeiten zu stärken. Dazu braucht es auch politische Stabilität, ein unbestrittener Vorteil unseres Regierungssystems. Sie besteht einerseits in der Einbindung aller politisch relevanten Kräfte in der Regierung und andererseits darin, dass nicht, wie in vielen anderen Ländern, die Regierungen in immer schnellerer Abfolge gewechselt und damit auch geschwächt werden. Eine ständige Rotation kann daher keine Antwort sein auf die sehr grossen Herausforderungen, die uns in der Restzeit dieser Legislatur bevorstehen. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass das Kollegium gegenüber der Klima- und der Finanzkrise gemeinsame Antworten der Nachhaltigkeit erarbeitet und sie auch gemeinsam vertritt.
Wir werden im kommenden Jahr alle sehr gefordert sein und ich wünsche in diesem Sinne allen ein gutes neues Jahr.
Bis bald
Moritz Leuenberger





