Sehen und gesehen werden

Bild: Ruben Sprich, Reuters
Tag des Lichts. Aktion mit Schulkindern. Sie tragen Jacken mit Leuchtstreifen, damit sie von Automobilisten besser wahrgenommen werden können. Ich begleite sie vor vielen laufenden Kameras über die Fussgängerstreifen und versuche ihnen beizubringen, dass im Strassenverkehr das gleiche Prinzip gilt wie im Partyverkehr: Sehen und gesehen werden.
Eigentlich tat es mir fast etwas weh, die munteren und spontanen Kinder zu Disziplin am Fussgängerstreifen zu ermahnen, doch ist solche Erziehung eben auch ein wichtiger Teil der Sicherheit im Strassenverkehr. Die Kunst des Überlebens muss auch gelernt werden. Am einen Ende des bunten Regenbogens der vielen Massnahmen von Via sicura steht die Repression, über die wir bei Rasern diskutieren. Am anderen Ende dieses Bogens steht die Erziehung und Sensibilisierung der möglichen Opfer, sich so zu verhalten, dass sie verschont bleiben. Das sind in erster Linie Fussgänger, Kinder, ältere Menschen.
Da es immer noch relativ viele Unfälle auf Fussgängerstreifen gibt, wird immer wieder gefordert, die Pflicht zum Handzeichen vor dem Betreten des Streifens einzuführen. Nichts steht einem Handzeichen entgegen. Aber der Umkehrschluss, den viele Automobilisten taten, nur wer ein Handzeichen gebe, sei auf dem Streifen vortrittsberechtigt, ist eben falsch und endete für viele Fussgänger tödlich. Aber sich bemerkbar zu machen und wenn immer möglich auch den Augenkontakt mit dem Automobilisten zu suchen, ist ein guter Ratschlag, den ich heute morgen auch mit den Kindern besprochen habe. Sehen und gesehen werden.
Solche Kampagnen müssen auch fortgesetzt werden: Dank Schulanfangkampagnen haben Unfälle auf dem Schulweg abgenommen, dank Velohelmkampagnen werden mehr Helme getragen.
So wie Strassenverkehr modellhaft für die Sozialisierung steht, von Erziehung bis Repression, so gilt im Strassenverkehr auch, was für Ruhm und Elend in der Welt überhaupt gilt:
„Die einen stehn im Dunkeln
Die andern stehn im Licht
Die einen kann man sehen
Die andern sieht man nicht.“
Bis bald
Moritz Leuenberger





