Solarlampenfieber

[Version française Blogcamp Switzerland 3.0]

aus: Der Neue Physiologus, Enzyklopaedie der Erfahrung...

aus Der Neue Physiologus, Enzyklopädie der Erfahrung...

Jede Massenkommunikation hat ihre Besonderheiten.

Das TV etwa bringt es mit sich, dass die Zuschauer das Gefühl haben, die Menschen, die sie am Bildschirm sahen, seien persönlich bei ihnen zuhause in der Stube gewesen. Die Folgen erlebe ich oft: Sie begrüssen mich, als ob wir alte Freunde wären und wundern sich, wenn ich sie gar nicht kenne. Ich selber reagiere im ersten Moment auch so, wenn ich Moderatoren und -innen antreffe: „Den oder die kenn ich doch.“ Dass ich ihn oder sie doch nicht so genau kenne, zeigt sich höchstens daran, dass mich die Körpergrösse irritiert. Ich habe sie mir viel kleiner oder viel grösser vorgestellt. Das TV zeigt ja nur den Kopf - der Rest ist Einbildung des Zuschauers.

Auch beim Radio ergeben sich falsche Vorstellungen. Wie oft hab ich schon geglaubt, einen bärenstarken Mann aus dem Lautsprecher zu hören, und als ich ihn dann leibhaftig kennen lernte, war es ein schmächtiges Bürschlein (und umgekehrt).

Trete ich an einer öffentlichen Veranstaltung auf, kann ich mir meistens gut vorstellen, was für Leute ich antreffen werde. Das ist verschieden je nach Ort, also ob es ein ländliches Gebiet oder eine städtische Agglomeration ist, welche Partei, welcher Verband zur Veranstaltung eingeladen hat und über welches Thema diskutiert wird.

Ganz anders aber ist es beim Blog. Ich kann mir die Bloggemeinde eigentlich überhaupt nicht vorstellen und wenn ich es doch versuche, so fürchte ich, mir auch da ein völlig falsches Bild zu machen. Einige Kommentatoren outen sich zwar mit vollem Namen. Andere aber verwenden Abkürzungen oder Fantasienamen. Ich weiss dann nicht mal, ist es eine Frau oder ein Mann?

Um dieser quälenden Ungewissheit eine Ende zu bereiten, folge ich der Einladung von campus 3 und krabble aus dem Sommerloch in den blogcamp. Ich nehme mir also nächsten Freitag etwas Zeit, um zu sehen, mit welcher Art Menschen ich denn eigentlich seit anderthalb Jahren kommuniziere.

Das bereitet mir zwar etwas Lampenfieber, doch ich kann mich trösten: da die meisten Kommentare auf meinem Blog sich mit alternativer Energie befassen, ist es wenigstens Solarlampenfieber.

Bis bald

Moritz Leuenberger


NGOs und direkte Demokratie

[Version française: Les ONG et la démocratie directe]

NGO und direkte Demokratie

Zwei kleine Vorbemerkungen zum Blog selber:

  • Sollen die Kommentare nun in auf- oder absteigender Reihenfolge erscheinen? Kaum habe ich auf entsprechende Anregungen hin die Regel geändert, macht sich erneut Unzufriedenheit breit. Ich lasse es mal bei der neuen Regelung, denn ein hektisches Hin und Her ist auch nicht gut. Allen Leuten recht getan…

  • Immer wieder werden mir konkrete Fragen gestellt (z. Bsp. wie ich zum EU-Beitritt stehe). Würde ich detailliert darauf eingehen, wären ja meine Beiträge auf Monate hinaus vorbestimmt, gerieten zu einer thematischen Verzettelung, was dann nicht mehr ganz dem Wesen eines Blogs, also einem Weblogbuch entspräche. Soll ich, um sie zu beantworten, mich in die Kommentare reihen?

Als solchen neuen Beitrag wähle ich diesmal die Rolle der NGOs:

In den Sommerferien verstarb Hans Hildbrand, was mich mit sehr grosser Trauer erfüllte. Er war Chef von Greenpeace Schweiz und ich hatte mehrere Begegnungen mit ihm, die ich ausserordentlich geschätzt habe. Greenpeace ist eine so genannte NGO, d.h. eine Nichtregierungsorganisation. Er sah zwei Aufgaben von Greenpeace, die er scharf von einander unterschied:

1. Einerseits sah er sie darin, die Regierung zu mahnen, sie auf Umweltprobleme hinzuweisen, ihr nahe zu legen, was ihre Aufgabe sei und welche Ziele sie anstreben müsse. Dass es sich dabei mitunter um Ziele handelt, die realistischerweise oder realpolitisch gar nicht erreichbar sind, wusste er und betonte er ausdrücklich. Er machte den Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, indem er einerseits ein Idealziel formulierte, gleichzeitig aber denjenigen, die mit der Umsetzung betraut waren, keinen Vorwurf machte, wenn ihnen das nicht gelang und nicht gelingen konnte. Über Zielvorstellungen einerseits und die Unmöglichkeit ihrer vollständigen Verwirklichung habe ich oft mit ihm diskutiert: CO2-Ausstoss reduzieren, Feinstaub verhindern, Verkehrsverlagerung gemäss Alpenschutzartikel umsetzen, und das alles „subito“. Da gibt es Realitäten, wie politische Mehrheitsverhältnisse, internationale Übereinkommen und sie lassen mitunter nur Kompromisse zu. Hans Hildbrand verstand das und verstieg sich nie zu moralischen Vorwürfen an diejenigen, die wenigstens versuchten, auf ein politisches Ziel hinzuarbeiten.

2. Auf der anderen Seite sah Hans Hildbrand die Aufgabe der NGOs in der Teilnahme an der Demokratie und er wollte auch versuchen, konkrete Lösungen durchzusetzen.
Er und andere Vertreter von NGOs wollen sich nicht bloss mit der Rolle von Mahnern begnügen. NGOs formulieren Initiativen (sie verhelfen diesen manchmal ja auch zu Erfolg, wie die der Alpenschutzartikel zeigt) und sie lobbyieren kräftig in Parlamenten und Regierungen. Das entspricht dem Grundsatz der direkten Demokratie: Jeder soll Verantwortung übernehmen, nicht nur seine edle Gesinnung zelebrieren. Initiativen, Referenden und regelmässige Sachabstimmungen verpflichten zur Teilnahme. Niemand, nicht NGOs und nicht Intellektuelle, sollen sich in der blossen Rolle mit erhobenen Zeigefingern gefallen.

Aus diesem Grund übertrugen wir den NGOs sogar per Gesetz konkrete Aufgaben, nämlich Beschwerde an Gerichte zu erheben, wenn ein Bauprojekt nicht der Umweltgesetzgebung entspricht. So werden also NGOs ganz bewusst in die Verantwortung gezogen und der Ausdruck „Nichtregierungsorganisation“ trifft dann vielleicht nicht mehr ganz zu. Das Verbandsbeschwerderecht ist also auch Ausdruck der Bundesverfassung, welche in Art. 6 will, dass alle Verantwortung für Staat und Gesellschaft übernehmen.

In meiner Rede in Wien „Wozu braucht es Parteien?“ rechnete ich daher etwas unsanft mit denjenigen NGOs ab, die einerseits hehre Forderungen aufstellen, aber für die Umsetzung keine Verantwortung übernehmen. Die Vertreter von wwf und Greenpeace waren in der anschliessenden Diskussion ziemlich enttäuscht, weil sie von der Doppelrolle, wie sie Hans Hildbrand verstand, nicht überzeugt waren.

Doch bei der Abstimmung über das Verbandsbeschwerderecht geht es darum, dass ihnen weiterhin solche konkrete Verantwortung zugeteilt wird und das ist auch richtig so. Alle haben wir einerseits die Visionen, die Idealvorstellung vor Augen und alle versuchen wir gleichzeitig deren Verwirklichung. Je nach Beruf, je nach Veranlagung sind wir eher den Visionen oder eher den Taten verpflichtet. Aber nur dem einen oder dem anderen verpflichtet zu sein, kann ich mir eigentlich kaum vorstellen.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Was, wenn es diesen Blog nicht gäbe?

[Version française Et si ce blog n’existait pas?]

Prager Fenstersturz von 1618 - Ausschnitt aus einer zeitgenössichen Darstellung (Quelle: Wikipedia)

Prager Fenstersturz 1618 - zeitgenössische Darstellung (Wikipedia)


Dass ich zu Ehren des Nationalfeiertages ausnahmsweise einen etwas längeren Beitrag verfasste, scheint wenigstens mehrheitlich durchaus akzeptiert worden zu sein. Eine welsche Zeitung meinte allerdings, eine 1. Augustrede auf einem Blog sei diskriminierend, da ja nur Blogger Zugang hätten. Merkwürdige Argumentation, denn dann wäre ja eine 1. Augustrede in einem Dorf noch viel diskriminierender, weil nur die 200 Einwohner aus der näheren Umgebung kommen können. Im Blog sind es doch täglich einige Tausend Besucher.

Danke diesen Besuchern für die Diskussion über den letzten Beitrag! Ich nehme den erneuten Hinweis von Ueli Schäfer, doch lieber „mit uns als zu uns“ zu sprechen, durchaus ernst und versuche das ja auch immer wieder. Aber bei der enormen Vielfalt von Kommentaren über einen einzigen Beitrag ist dies einfach schier unmöglich. Auch den Kommentatoren gelingt das ja nicht.

Den idealen Blog scheint es für einen Bundesrat kaum zu geben, also bleibe ich bei einem unvollkommenen und frage mich: Was wäre denn, wenn es gar keinen gäbe?

„Was wäre, wenn…“ Dieser Frage hat NZZ Folio ein ganzes Heft gewidmet und mir dieselbe Frage, allerdings nicht wie den anderen bezogen auf das Weltgeschehen, sondern bezüglich meines persönlichen Lebenslaufes gestellt. Hier - etwas gekürzt - meine Antwort:


Nein, ich male mir nie einen Lebensweg aus, den ich nicht gegangen bin, weil ich überzeugt bin, dass der Weg kein anderer hätte sein können, nicht nur wegen der äusseren Umstände, auf die ich keinen Einfluss hatte. Auch meine eigenen freien Entscheide traf ich immer unter bestimmten Einflüssen, solchen von aussen oder solchen, die in eigenen Überlegungen oder Stimmungen begründet waren. Müssig also, darüber zu sinnieren, ob ich mich gegen den elterlichen Widerstand für jenen Beruf, für den ich eine Weile schwärmte, hätte wehren sollen und ob ich mich überhaupt hätte durchsetzen können. Die damaligen Umstände waren eben derart, dass ich es nicht wagte.

Würde ich mein Leben nochmals leben, nähme es notwendigerweise wieder denselben Lauf. Ich habe Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ als Jugendlicher gelesen, und ich habe ihn so verstanden: Im Rückblick bereuen wir manchen Entscheid als falsch und verhängnisvoll, sei er nun spontan aus einer Laune oder nach reiflichster Überlegung erfolgt. Doch denken wir uns die genau gleiche Situation, in der wir damals entschieden haben, ergäben sich dieselben Vorbedingungen, dieselben Zwänge, unsere identische seelische Verfassung und daher auch unser gleiches Verhalten. Erst im Rückblick, erst im Wissen über die Folgen des Entscheides, erst nachträglich also, wissen wir, was wir anders hätten machen sollen. Damals wussten wir es nicht, oder wir wussten es und konnten oder wollten unser Wissen nicht umsetzen.

Gewiss sinniere ich hin und wieder wie Gantenbein darüber, was wäre, wenn…? Würde ich, wenn ich Schauspieler geworden wäre, es aushalten, unter irgendeinem Regisseur zu spielen? Käme ich mir, wäre ich Kabarettist, vielleicht wie ein Populist vor, weil ich ständig vereinfachen müsste? Müsste ich, hätte ich mich professionell in Sprache oder Philosophie vertieft, darunter leiden, gesellschaftliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu analysieren, statt etwas zu bewirken? Wäre das nicht die bare Ohnmacht, verglichen mit den Kompromissen, von denen mein heutiger Beruf lebt? Oder: Wäre mein privates Leben wirklich näher beim Glück, wenn…? Doch das sind spielerische Träumereien, die sich nie zu einem Wunsch verdichten, nicht zu einem heimlichen und nicht zu einem öffentlichen. Denn das Leben hätte nicht anders kommen können. Nein, das ist nicht fatalistisch. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem früheren Entscheid findet trotzdem statt, ja sie muss zwingend erfolgen. In der Rückschau erkenne ich tatsächliche Folgen eines Entscheides, die ich vorher gar nicht sehen konnte. Hinterher erkenne ich, warum ich mich damals falsch oder nicht optimal verhielt. Das ist Erfahrung, die in einer neuen ähnlichen Situation zu geschärftem Bewusstsein führt. Doch damals war diese Erfahrung eben noch nicht da, und sie hätte nicht anders sein können.

Meine Gedanken zurück kreisen also weniger um die Phantasie: Wenn damals…, sondern um das Suchen: Warum damals…?, damit ich, wenn ich künftig zurückblicken würde, wenn immer möglich sagen könnte: Wie schön war es, dass damals…

Soweit zum Lebensweg eines einzelnen Menschen. Wie steht es aber bei historischen Gegebenheiten? Kann ein einzelnes Ereignis der Geschichte eine andere Wende geben? Obwohl die Beiträge im Folio natürlich Spielereien sind, decken sie doch heimliche Wünsche auf: Ein NZZ-Redaktor träumt - nicht heimlich, sondern öffentlich - davon, nur gerade das Telefongespräch von Frau Kopp und der darauf erfolgte Rücktritt ihres Ehemannes aus einem Verwaltungsrat habe den seitherigen Niedergang des Zürcher Freisinns ausgelöst. Ohne dieses Telefon hätten die Freisinnigen womöglich gar drei Sitze im Bundesrat erobert und wären dort heute noch mit Frau Kopp vertreten. Abgesehen von einigen falschen Fakten (es hätten damals gar nicht mehr als ein Vertreter aus dem Kanton Zürich gewählt werden können) und Verdrängungen (ohne besagtes Telefon auch kein Swissairgrounding?) muss doch festgehalten werden: Auslöser und Ursache von historischen Umwälzungen sind nicht zu verwechseln. So war der Prager Fenstersturz sicher nicht die Ursache des 30jährigen Krieges und das Attentat von Sarajevo nicht die Ursache, sondern ein Auslöser des ersten Weltkrieges. Für gesellschaftliche Entwicklungen gibt es immer eine Komplexität von Ursachen. Hätte nicht der Tropfen X das Fass zum Überlaufen gebracht, hätte dies der Tropfen Y getan.

Allerdings: Was ist ein kleines und was ein grosses Vorkommnis?

Und so frage ich mich denn auch nicht, ob die Schweiz und die Welt eine grundsätzlich andere Wendung nähmen, wenn es diesen Blog nicht gäbe.

Bis bald

Moritz Leuenberger