Gleichgewicht

[Version française Equilibre]

Pentagramm:Die perfekte Proportion nach dem goldenen Schnitt.

Das Pentagramm: die perfekte Proportion nach dem goldenen Schnitt. (Bild: Wikipedia/Nils Bossung)

Teilnahme am IEF, dem Internationalen Energy Forum, in Rom Anfang Woche. Heftige Diskussionen zwischen Öl produzierenden und Öl konsumierenden Staaten und über die Frage der Biotreibstoffe. Welcher Ölpreis ist angemessen? In welchem Verhältnis stehen Nahrungsmittel und Treibstoffe zu einander? Eine Stadtwanderung durch das alte Rom liess ich mir nicht nehmen und stieg auch die breite Treppe zur Piazza del Campidoglio hinauf. Ich kann mir nicht richtig erklären, warum dieser Platz derart atemberaubend ist. Er fällt ganz leicht ab zur Treppe und seine Dimensionen im Verhältnis zu den umliegenden Gebäuden sind derart ausgewogen, dass er eine eigentliche Harmonie ausstrahlt. Ich kann das nicht rational darlegen oder gar mit einer mathematischen Formel nachvollziehen. Kunsthistoriker wissen wohl mehr darüber. Es sind die Proportionen, die dem Beschauer einen überwältigenden Eindruck bescheren, nicht etwa die absolute Dimension, denn Platz, Museum und Palazzo sind keineswegs riesig, aber sie strahlen wahre Grösse aus. Ein ähnliches Gefühl habe ich immer in der ganz kleinen Kirche von San Nicolao in Giornico, in welche ich den österreichischen Bundespräsidenten führte und der wie ich auch von diesen perfekten Proportionen beeindruckt war. Jede Ordnung, auch die der Natur und der menschlichen Gesellschaft, ob im Kleinen oder im Grossen, lebt von Proportionen, vom Gleichgewicht, welches die Harmonie zwischen allen Beteiligten sicherstellt. Wird eine Kraft zu dominant, wenn sie masslos wird, zerstört sie das Gleichgewicht und damit das ganze System. So zeigt sich wahre Grösse in ihren Proportionen zu anderen und nicht in Absolutheit. Was ist das richtige Mass? Die Architekten der Kirche in Giornico und der Piazza del Campidoglio kannten es. Die Architekten einer Abgangsentschädigung von 22 Millionen Franken bei einem Verlust von vier Milliarden dagegen kennen es ganz offensichtlich nicht.

Nach dem Besuch der Piazza zurück in das Energieforum mit den Fragen: Welcher Preis für Öl ist verhältnismässig? Und: Was ist die Verhältnismässigkeit zwischen dem Preis für individuelle Mobilität und dem Grundrecht auf Nahrung? Gibt es ein Augenmass für weltweites Gleichgewicht?

Bis bald

Moritz Leuenberger


Agro-Treibstoffe

[Version française Les agrocarburants]

 Frau im Norden Bangladeshs beim Sortieren ihrer Ernte

Es wurden mir in Kommentaren einige Fragen zu biogenen oder Agro-Treibstoffen gestellt. Das Thema ist wegen der weltweiten Demonstrationen gegen Hunger in aller Munde. Ganz neu ist es nicht. Denn schon vor über hundert Jahren wurde der Mobilität zuliebe ein Drittel der Äcker mit Getreide, insbesondere Hafer bestellt, damit die Pferde, welche die vielen Kutschen durch die Welt zogen, zu ihrer Nahrung kamen. Auch damals habe das zu Mangel bei der Ernährung der Menschen, zu Hunger und zu Protesten geführt. Auch damals wurde der moralisch sehr berechtigte Vorwurf erhoben, der Mobilität werde die Gesundheit der Ärmsten geopfert.

Zur heutigen Diskussion: Die aktuelle Nahrungsmittelkrise ist nicht einfach nur auf biogene Treibstoffe zurückzuführen. Die Treibstoffe verschärfen eine aktuelle und vor allem eine strukturelle Krise. Die hohen Ölpreise haben wiederum Auswirkungen auf Dünger und Transporte. Die Konjunktur, welche abhängig ist von schlechter Ernte in Afrika und in Australien, von Trockenheiten, von der hohen Nachfrage in den neuen industriellen Ländern wie in China, erhöht die Nachfrage für Fleisch und andere Nahrungsmittel. Dies wiederum führt zu höheren Preisen. Eigentlich gibt es also durchaus genügend Nahrungsmittel, aber die Preise sind zu hoch geworden und für viele unerschwinglich. Zu den gestellten Fragen:
  • Die Schweiz vertritt eine restriktive Haltung gegenüber biogenen Treibstoffen. Als erstes Land weltweit führen wir ab 1. Juli 2008 ökologische Kriterien für eine Förderung ein. Damit unterstreichen wir den Vorrang der Nahrungsmittelproduktion. Wir schreiben auch soziale Mindestanforderungen bei der Produktion vor, dies ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, welche eben umwelt-, wirtschafts- und sozialverträglich sein soll.
  • Treibstoffe aus Getreide inklusive Mais sowie aus Palmöl und Soja erfüllen diese Kriterien nicht und werden daher von der Schweiz nicht gefördert.
  • Eine landwirtschaftliche Produktion von biogenen Treibstoffen im grossen Stil ist in der Schweiz ohnehin nicht realistisch und schon gar nicht sinnvoll. Sie hätte zur Folge, dass die einheimische Nahrungs- und Futtermittelproduktion verdrängt würde. Und das würde wiederum mehr Importe bedeuten.
  • Aber biogene Treibstoffe aus Abfall-Biomasse schneiden ökologisch gut ab. Sie konkurrenzieren die Nahrungsmittelproduktion nicht.
  • Wegen der ökologischen und sozialen Risiken von biogenen Treibstoffen ist eine Quote zur Beimischung von biogenen Treibstoffen nicht sinnvoll, auch wenn damit auf den ersten Blick ein Beitrag gegen den CO2-Ausstoss geleistet wird. Die Zusammenhänge sind zuweilen etwas komplizierter und ein zweiter Blick auf sie lohnt sich.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Die Zeitung von gestern

[Version française Le journal d’hier]

Ein Bündel Zeitungen - bereit zur Entsorgung (Foto: www.altpapier.ch)

Ein Bündel Zeitungen - bereit zur Entsorgung (Foto: www.altpapier.ch)

Es gibt Menschen, die legen sich eine Wunschvorstellung zurecht, verlieben sich allmählich in sie und verbeissen sich mit der Zeit derart, dass sich die Idee in ihrem Kopf und ihrem Herz verfestigt. Schliesslich halten sie sie für die Wahrheit und sind bereit, ihr alle Grenzen zu opfern. So erging es jenem Journalisten, der von seiner eigenen These derart beseelt ist, dass er nichts mehr hören will, was sie widerlegt. Er glaubt, ich hätte über all die Leistungen der SBB an den neuen Chef im ersten Jahr Bescheid gewusst und demzufolge der Öffentlichkeit die Unwahrheit vermeldet, als ich betonte, dass mir alles erst vor wenigen Wochen mitgeteilt wurde. Als Blickmitarbeiter ist er offenbar überzeugt, ein Bundesrat lüge gewissermassen von Berufs wegen sowieso und erachtet es als seine heilige Pflicht, dies zum finanziellen Wohle seines Verlages der Öffentlichkeit kundzutun. Alles biegt er folglich so zurecht, damit die These gestützt wird. Die Erklärung, wonach ich vom Verwaltungsrat der SBB für diesen Entscheid weder begrüsst werden muss, noch begrüsst worden bin, kommentiert er kurzerhand mit: „Das kann nicht sein.“ Wie sagte doch schon Christian Morgenstern über einen solch eindimensionalen Logiker?
„Weil, so schliesst er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“
Ein Bundesrat lügt sowieso und deswegen darf man ihn auch ungestraft mit Unwahrheiten beleidigen; er wehrt sich ja doch nicht.

Ich frage mich zuweilen mit den Worten Thomas Urselers: „Muss ich mir das gefallen lassen?“

Natürlich nicht. Andererseits kommt es ja, wie bei einer physischen Bedrohung auch etwas darauf an, wer droht oder wer beleidigt. Nicht alle sind gleich ernst zu nehmen.
Zudem: Es gibt nichts Älteres als die Zeitung von gestern. Heute harren schon neue Probleme unserer Anteilnahme und so gleitet denn des flüchtigen Lesers Auge vom bösartigen Vorwurf an den Bundesrat rasch auf die nächsten Schlagzeilen weiter:

  • Auf die olympische Fackel, die in Paris nur dank dem öffentlichen Verkehr ihr Ziel erreichen konnte, wie ich als Verkehrsminister festhalten will.

  • Auf Hillary Clinton, welche die Olympischen Spiele durch die USA boykottieren will, (was wohl etwas über den politischen Mut einer Präsidentschaftskandidatin, doch gewiss nichts über das künftige Verhalten einer künftigen Präsidentin aussagen dürfte).

  • Auf den Bündner Bären, bei dem alles Vergrämen nichts nützte, und der jetzt zum Abschuss freigegeben werden soll. Doch es winkt ein Happy End: Der Tierpark Bern bietet ihm Asyl. Das ist zwar keine gute Lösung, denn für Tiere, die einmal in der Wildnis lebten, bedeutet der Aufenthalt in einem Zoo eine Qual. Doch tröstlich mag für JJ3 sein, dass er sich in Bern, einmal aus den Bergen abgewandert, bezeichnen kann als: „abgew. Bär“.

Und auch diese Schlagzeilen landen morgen auf dem Altpapier. Es gibt nichts Älteres als die Zeitung von gestern.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Schafft die Winterzeit ab!

[Version française Supprimez l’heure d’hiver!]

Abfahrtsanzeige im Bahnhof Rapperswil (BLICK-Online/Leserbild)

Abfahrtsanzeige im Bahnhof Rapperswil (BLICK-Online/Leserbild)

Eigentlich wollte ich ja schon längst von diesem Thema Zeit wegkommen, doch die Situation in Bellinzona ist derart angespannt, dass ich mir nicht einmal einen Aprilscherz erlauben durfte, den ich mir schon lange ausgedacht und ganz gerne inszeniert hätte (über ein anderes Thema natürlich). Na, ja, nächstes Jahr, denn: Lachen hat seine Zeit und nicht Lachen hat seine Zeit.

Ein Blog hat ja, soweit ich ihn jedenfalls begreife, auch etwas Lockeres, um nicht zu sagen Fröhliches. Damit sei die Seriosität unserer Diskussion nicht etwa in Frage gestellt, aber ich selber pflege hier im Blog doch einen etwas anderen Stil als in offiziellen Verlautbarungen, einfach deswegen, weil ich mich etwas unter Freunden fühle (Kommentare, wie derjenige, ich als „Sozialist“ (!) hätte jetzt bedingungslos die Streikenden (welche dann? Es gibt unter ihnen sehr verschiedene Meinungen) zu unterstützen, lass ich ohnehin nur deswegen aufschalten, damit man sieht, was es alles so an differenzierten Haltungen gibt in unserem Lande…. Die Aussage ist übrigens noch harmlos im Vergleich zu mails aus dem Kanton Tessin, die mich kurzerhand als Lügner und als Mugabe und als Diktator liebkosen. Die Drohungen, die Gotthardstrecke zu sperren oder gar zu sprengen, zeigen: Die aufgeheizte Stimmung im Kanton Tessin enthemmt offensichtlich. Die Zeit hat die Stimmung bis jetzt eher aufgeheizt und nicht beruhigt.

Nein, auf die Zeit als solche baue ich nicht im Konflikt um Bellinzona, obwohl mir auch das vorgeworfen wird. Aber ich glaube weiterhin an den Dialog und versuche nochmals einen Anlauf mit Marco Solari, der für mich sondieren soll, ob ein runder Tisch überhaupt noch realistisch ist oder nicht.

In der Zwischenzeit hat die Sommerzeit den Streik eingeholt. Wir haben all unsere Uhren vorgestellt und dabei wieder zählen können, wie viele davon in unserem Haushalt herumstehen. Die Sommerzeit wurde seinerzeit ja begründet mit Energieeinsparungen. Regelmässig rege ich bei meinen Fachämtern an, ob es denn eine Energieeinsparung gebe durch diese Sommer- und Winterzeit. Regelmässig bekomme ich keine Antwort. Es gibt offenbar keine Energieeinsparungen. Als ich noch jung war, ging es auch ohne. Damals begann die Schule im Sommer einfach früher als im Winter.

Ich muss sagen, die SVP hatte damals recht mit ihrem Referendum gegen die Sommerzeit (Christoph Blocher war damals der Wortführer). Die Sommerzeit bringt uns gar nichts. Ausser vielleicht denjenigen, die über die Osterferien nicht in asiatische Strände flogen. Auch sie haben dank vorgestellter Zeit für eine Weile jenes wohliggähnende Gefühl des Jetlags.

Bis bald (denn ich melde mich noch während der Sommerzeit zurück.)

Moritz Leuenberger