Wahre Liebe

[Version française Le véritable amour]

Amor und Psyche (William Bouguereau, L'enlèvement de Psyché)Der frühere Direktor des damaligen BUWAL, Philippe Roch, schiesst derzeit scharf auf Adolf Ogi (er habe sich wie ein Spitzel benommen), Ruth Dreifuss (sie sei eigentlich an seiner Scheidung schuld) und mich. Mir wirft er öffentlich vor, die Natur nicht wirklich zu lieben, sondern meine Klima- und Umweltpolitik nur aus persönlichem Opportunismus zu betreiben. Klar, dass eine derart gravierende Anklage gegenüber meiner inneren Einstellung öffentlich diskutiert werden muss. Und so kann ich denn in Zeitungen lesen, wie scharf beobachtet meine Seelenregungen sind. Die grüne Nationalrätin Maja Graf liess sich verlauten: „Er ist ein Städter und liebt die Kultur, also kann er gar nicht die Natur lieben, wie wir vom Land.“ (Maja Graf kommt natürlich aus dem Kanton Basel-Landschaft). Mein grüner Namensvetter aus Genf, Ueli Leuenberger, argumentiert hingegen so: „Hat man je einen Beweis für die Naturliebe Moritz Leuenbergers gesehen? Hat man je von ihm eine so eindeutige Aktion wie diejenige von Adolf Ogi gesehen, als dieser öffentlich Eier kochte? Nein, Leuenberger liebt die Natur nur zum Schein.“ Ach gäbe es doch nur wie bei der militärischen Gewissensprüfung die Möglichkeit, einen Liebestest vor den grünen Inquisitoren zu leisten, doch so bleibt ihre bestechende Logik unangefochten und ihr Verdikt lastet unwiderlegt auf meinem schuldigen Haupt und lieblosem Herz.

Doch fern meiner grausamen Richter will ich doch ganz vor mir allein mein Gewissen prüfen:

Wäre es denn klug, Umweltpolitik auf schrankenloser Liebe zur Natur aufzubauen? Ist es nicht so, dass der Mensch die Natur nutzt? Dass er sie, um sie auch künftig nutzen zu können, erhalten muss? Dass er sie so gestalten muss, dass alle Menschen, auch die künftigen Generationen in und von ihr leben können? Dass es mit Naturschutz allein nicht getan ist, weil auch die wirtschaftliche Tätigkeit möglich sein muss, und die Natur gerade deswegen nicht ausgebeutet werden darf, damit auch künftig menschliche Entwicklung und sozialer Zusammenhalt möglich ist? Dies ist die Grundidee der Nachhaltigkeit. Das ist wahre Liebe: Die Beziehung nachhaltig pflegen und sie nicht im Strohfeuer blinder Verliebtheit verbrennen.

Und noch etwas: Ich habe es in „Lüge, List und Leidenschaft“ im Kapitel 9 ausführlich zu beschreiben versucht: Was bringt es, darüber urteilen zu wollen, von welchen inneren Motiven politisches Handeln getrieben wird? Handelt nicht auch egoistisch, wer die Natur erhalten will? Denn er tut es ja zu seinem eigenen Vorteil. Die politische Diskussion über Gut und Böse ist an ihrer Wirkung und nicht an ihrem Motiv zu führen. Alles andere führt zur Ideologisierung der Politik und schliesslich zu Glaubenskriegen.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Pascals Wette

[Version française Le pari de Pascal]

Das Klima heizt offensichtlich auch die Kommentare an. Danke für Einsatz, Bilder und Zeichnungen. Offensichtlich stimulieren sie zur immer regerer Teilnahme, und ich darf die Lorbeeren für einen attraktiven Blog einsacken.

Ich bemerke aber auch, dass sich die Blog-Fronten in der Klimadebatte verhärten. Das gleicht nachgerade bedrohlich einer Parlamentsdebatte: Einige verlieren die Geduld und werten andere ab mit „Stuss, Müll und Schrott“. Ein Glaubenskrieg bahnt sich an.

Blaise Pascal (1623-1662) Ich gebe zu, es ist gerade in der Klimadebatte mit den unzähligen Fakten, Meinungen und Bewertungen schwierig, sich zu orientieren. Marco Passardi zeigt in einem seiner Kommentare jedoch einen möglichen Weg. Er hält sich an die berühmt gewordene Wette des französischen Denkers Blaise Pascal: Wenn wir darauf wetten, dass es Gott gibt und uns entsprechend verhalten, dann haben wir keinen Schaden, wenn wir die Wette verlieren. Wenn wir aber darauf wetten, dass es Gott nicht gibt (und uns entsprechend verhalten), dann ist der Schaden sehr gross, wenn wir die Wette verlieren. Es geht dabei nicht um die Frage, ob Gott existiert oder nicht. Sondern es geht darum, ob wir besser fahren, wenn wir uns verhalten, als ob Gott existiere oder nicht.

Auch wenn der eine oder andere noch daran zweifelt, dass der Klimawandel menschengemacht ist: wir fahren eindeutig besser, wenn wir alles tun, um ihn zu bremsen. Das hat sich schon beim Waldsterben gezeigt. Wissenschaft, Politik, Parteien und Verbände haben aus Beobachtungen und Indizien geschlossen, dass der Wald sterben würde, wenn nichts geschieht und sie haben entsprechend gehandelt. Auch wenn sich nach einem Jahrzehnt herausgestellt hat, dass mit den Befürchtungen etwas übertrieben wurde, so haben wir dennoch nicht nur nichts verloren, sondern im Gegenteil: Dank Errungenschaften wie dem Katalysator und der Luftreinhalteverordnung haben wir heute weit weniger Emissionen – zum Wohle von uns allen. Niemand möchte darauf verzichten.

Solche Überlegungen stellen wir in der Politik und im Alltag immer wieder an. Ich greife zurück auf den vorherigen Beitrag mit dem Vorschlag 0,0 Promille für Neulenker und Berufschauffeure: Natürlich gibt es auch unter ihnen viele, die mit ein bisschen Alkohol unfallfrei nach Hause gelangen. Aber wir wetten nicht darauf, dass das immer der Fall sei. Und so verlieren denn auch sie nichts, wenn sie nur ohne Alkohol ans Steuer dürfen. Aber einige Unfallopfer können dadurch enorm viel gewinnen – das Leben.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Die Regenmacher

[Version française Les faiseurs de pluie]

Es ist nicht immer leicht, die Welt zu verstehen.
  • Am Sonntag protestierten Zehntausende von Menschen in Australien gegen die Untätigkeit von Parteien und Regierung im Kampf gegen den Klimawandel.

  • Der bürgerliche Präsident Sarkozy will Frankreich zum führenden Land im Kampf gegen den Klimawandel machen. Er weiss, dass dadurch ausgelöste Milliardeninvestitionen französischen Unternehmen zu Gute kommen werden.

  • Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, ein Parteigänger von US-Präsident Bush, hat die Umweltbehörde der Vereinigten Staaten eingeklagt – weil das Amt im Kampf gegen die Luftverschmutzung durch die Automobile zu zögerlich ist.

  • In der Schweiz feiern grüne Politikerinnen und Politiker Erfolge bei den Wahlen in den National- und in den Ständerat, weil sich das Schweizer Volk Sorgen macht wegen der Auswirkungen der Klimaänderung in unserem Lebensraum.
«Leuenberger mit Klimapolitik im Regen»: Ausriss aus der NZZ am Sonntag vom 11.11.2007Im Gegensatz zu wirklichen Wirtschaftskapitänen scheint dies einige Berufsfunktionäre nicht im Geringsten zu berühren. Einmal mehr benützen Verbandssekretäre und ihre Indiskretionsspezialisten im Bundeshaus ein internes Verfahren (die sogenannte Ämterkonsultation), um via Sonntagspresse gegen unsere Aktionspläne mobil zu machen. Insbesondere ist ihnen nach wie vor ein Dorn im Auge, dass der CO2-Ausstoss auch in der Schweiz reduziert werden sollte. Die CO2-Abgabe mit Teilzweckbindung, so der altbekannte Ohrwurm, würde den Werkplatz Schweiz gefährden.

Dies obwohl bürgerliche und konservative Politikerinnen und Politiker in führenden Wirtschaftsnationen längst erkannt haben, dass der Kampf gegen den Klimawandel auch wirtschaftlich eine Chance ist. Für Innovationen und für Investitionen in die Reduktion des Energieverbrauchs. Das bedeutet Arbeit für viele Gewerbebetriebe und Handwerker und neue Märkte und Absatzchancen für weltweit tätige Schweizer Firmen. Gerade Wirtschaftsverbände müssten ein Interesse haben, dass die Schweiz bei dieser industriellen Revolution zuvorderst mitmacht. Die Aktionspläne enthalten lauter wachstumsfördernde Massnahmen. Und immer noch beschränkt sich die Innovationskraft einiger Berufsvertreter unserer Wirtschaft auf das Lobbying gegen klimapolitische Ideen.

Manchmal ist es leichter, die Welt zu verstehen als Seconomiesuisse.

Bis bald

Moritz Leuenberger



Der Nothelferkurs

[Version française Le cours de premier secours]

Bundesrat Moritz Leuenberger beim Üben der Wiederbelebung an einer Puppe. (©KEYSTONE/Lukas Lehmann) Es war mir ein privates und ein öffentliches Anliegen, endlich einen Nothelferkurs zu besuchen. Letzte Woche kam der Termin für einen Auffrischungskurs beim Schweizerischen Samariterbund zustande. Der Samariterbund und ich selber fanden den Beizug von Medien wichtig, weil die Erste Hilfe bei einem Unfall oft entscheidend für die Schwere der Verletzungen, manchmal sogar für das Überleben sein kann. Meine Teilnahme sollte also auch etwas Propaganda für Auffrischungs- und Weiterbildungskurse sein.

Mit etwa sieben weiteren Teilnehmerinnen, (die erst unmittelbar vor Kursbeginn von ihrem zweifelhaften Glück erfuhren, die Ausbildung zusammen mit einem Tross von Journalisten im Schlepptau eines Bundesrates zu absolvieren), folgte ich also den Erläuterungen der Kursleiterin und beteiligte mich an den verschiedenen kleinen Übungen. Die Journalisten warteten ungeduldig auf meine ersten Handgriffe an einer Puppe. Und schon kam die erste Frage: „Würden Sie auch Herrn Blocher Erste Hilfe leisten?“ Ich etwas irritiert: „Ja, das ist doch der Sinn der Ersten Hilfe, dass man jedem verletzten Menschen hilft.“ Nächste Frage: „Aber wenn jetzt Herr Blocher…“ Ich unterbreche: „Es geht doch jetzt darum, Erste Hilfe zu lernen und öffentlich zu zeigen, dass das wichtig ist. Es geht jetzt nicht um Bundesratsgeschichtlein.“ Der Journalist insistiert nicht. Es kommt jedoch ein anderer von einem Lokalradio. Zunächst kann ich mich zum Sinn dieser Aktion als einem Beitrag zur Reduktion von Opfern des Strassenverkehrs äussern, doch dann wieder: „Sie haben gesagt, Herr Blocher…“ Antwort: „Ich habe nichts von Blocher gesagt, ich wurde nach ihm gefragt und ich finde dieses Thema habe jetzt hier nichts zu suchen….“ Er bleibt dran: „Aber Herr Blocher…“ Ein Wort ergibt das andere, ich weigere mich, Munition für eine Blocher/Leuenberger-Story zu liefern. Der Lokalradiojournalist zieht ungehalten aus dem Saal. Der Kurs wird fortgeführt.

Nach ihm wieder Interviews. 10vor10 macht einen instruktiven Beitrag, andere fotografieren. Doch der Journalist, der als erster einen Bundesratsknatsch konstruieren wollte, versucht es noch einmal. Er versteht jedoch schliesslich, dass jetzt nicht der Bundesrat zur Diskussion steht, sondern die Verkehrssicherheit. Ich mache ihn auf via sicura, auf den Vorschlag 0,0 Promille für Neulenker aufmerksam. Ein bereits bekannter Vorschlag zwar, aber leider doch aktuell wegen der Unfälle vom vorletzten Wochenende, vielleicht doch etwas für eine Schlagzeile?

Tatsächlich, am Wochenende kommt die Geschichte in einer Sonntagszeitung: „Bundesrat Leuenberger macht Ernst“. (Macht Ernst? Na ja. Vergleiche dazu in meinem Buch das Kapitel über Ankündigungspolitik…) Der Beitrag wird gross aufgenommen von der Tagesschau, obwohl ja eigentlich die Idee nicht neu ist. Und was machen wir mit den frustrierten Journalisten, die gerne eine Bundesrats-Geschichte während der Lebensrettungsübungen gehabt hätten? Wir schicken sie in einen Nothelferkurs. Dort kann man nämlich lernen, dass es noch andere Probleme auf dieser Welt gibt.

Bis bald

Moritz Leuenberger