Alles hat seine Zeit

[Version française Toute chose a son temps]

Die Schweizer Bahnhofsuhr von Hans Hilfiker Eigentlich unterbreche ich die laufende Diskussion über die politische Situation nach den Wahlen nur ungern. Sie wurde bei mehreren Anlässen immer wieder zitiert, so z. B. an den Bieler Kommunikationstagen (Rede Heute der Trend, morgen die Wahrheit). Ich selber freue mich wirklich, wie wichtig mir die Diskussionen auf meinem Blog geworden sind, und ich danke allen Kommentatorinnen und Kommentatoren.

Die Wahlen blieben ja auch letzte Woche nicht ohne Folgen, und es kam zu einer eigentlichen Rücktrittswelle: Nach dem Rücktritt von zwei Parteipräsidenten und einer Parteipräsidentin sowie zwei Ständeratskandidatinnen in SG und ZH, nach dem Rücktritt des CEO von Merrill Lynch ist nun gar noch die Zeit zurückgetreten. Um eine Stunde.

Die Begründung Sommerzeit/Winterzeit ist ja eine energiepolitische. Mit späterem Tages- bzw. Arbeitsbeginn im Winter würde weniger Energie verbraucht. Immer wieder versuchte ich, diese Behauptung mit Zahlen zu unterlegen und habe meine Spezialisten beauftragt, diesbezügliches in Erfahrung zu bringen. Ohne Erfolg. Nie habe ich auch nur eine einzige Zahl erhalten. Ich frage mich also ernsthaft, ob an dieser Argumentation überhaupt etwas dran sei. Ich selber hätte nämlich viel lieber immer nur Sommerzeit.

Immerhin haben sich unterdessen alle an diese Zeitumstellung gewöhnt, sogar die Schweizer Kühe. Sie waren ja seinerzeit das Hauptmotiv für den erbitterten Abstimmungskampf gegen die Sommerzeit, den damals die SVP führte und auch, wie ich anerkennend festhalten will, eindrücklich gewann. Doch kurze Zeit nach diesem überwältigenden Riesenerfolg der SVP wurde die Sommerzeit dennoch eingeführt. Fahrpläne von Eisenbahn und Fluggesellschaften, überhaupt die Harmonisierung der Geschäfts- und Politikagenden mit unseren europäischen Nachbarländern führten uns alle zur Erkenntnis, dass wir diesen Alleingang nicht durchstehen. Gegen die bald darauf erfolgte neuerliche Einführung der Sommerzeit gab es denn auch kein Referendum mehr.

Alles hat seine Zeit. Alles braucht eben seine Zeit. Wenn der Winter zur Besinnung, vor allem aber auch zu Erneuerungen genutzt wird, dann wird es auch wieder Frühling und die Sommerzeit kann wieder eingeführt werden. Die Zeit wird also ihre verlorene Stunde wieder einholen. Und es wird wieder wärmer.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Kaltfront!

[Version française Front froid!]

Wetterkarte vom 22. Oktober 2007

Die Photographie vom sonnigen Samarkand kann ich wohl angesichts des schweizerischen Wetterumschwunges am vergangenen Wochenende nicht länger zuoberst auf meinem Blog strahlen lassen. (Zugegeben: Änderung "strahlen" statt "prangen" erfolgt wegen Hinweis in Kommentar; ich hätte die Wiederholung auch merken sollen.)


Ich bin tatsächlich sehr gespannt, um nicht zu sagen etwas unruhig darüber, was das neue Parlament für die Bereiche meines Departements bringen wird. Denn bei genauerem Hinsehen halten sich die Verluste der SP auf der einen Seite und die Gewinne der Grünen und Grünliberalen auf der anderen Seite eben doch mehr oder weniger die Waage. Vergleiche ich die Verluste der FDP und die Gewinne der SVP, ist der Gesamtgewinn der Rechtsbürgerlichen auf wenige Sitze beschränkt.

Für die Umwelt- und Klimapolitik wird es im Einzelnen, das heisst bei konkreten Abstimmungen etwa über die Teilzweckbindung von Lenkungsabgaben vor allem auf die so genannte „Mitte“ ankommen. Zudem werden FDP und SVP kaum stets geschlossen gegen Umweltanliegen stimmen, so wie sie dies bis jetzt ja auch nicht taten. Im öffentlichen Verkehr kommt dazu, dass regionale und kantonale Interessen weit ausschlaggebender sind als die Parteizugehörigkeit. Es ist also ausgeschlossen, jetzt schon zu sagen, wohin das neu gewählte Parlament steuern wird. Die Arbeit in Kommissionen, die Auseinandersetzung mit der Sache hat schon manche fixe Voreingenommenheit zu überwinden vermocht.

So viel zum Prinzip Hoffnung mitten in einer Kaltfront.

Bis bald

Moritz Leuenberger


VIP, Nicht-Vip, Ramadan

[Version française VIP, «non VIP» et Ramadan]

Registan

Sorry, dass ich meinen Buchtitel so lange an erster Stelle prangen liess. Aber ich war wie angekündigt zehn Tage im Osten. Immerhin gab er eine wunderbare Diskussion her, für die ich mich herzlich bedanke. Offenbar ist das Buch auch gerade Nr. 1 auf der Bestsellerliste des Schweizer Buchhandels geworden (www.schweizer-buchhandel.ch), was doch ein lieber Empfang zuhause ist.

Ich war letzte Woche zunächst in Aserbaidschan, Gespräche je mit dem Staatspräsidenten, dem Premierminister, dem Aussen-, dem Verkehrs-, dem Energie-, dem Telekommunikations- und dem Umweltminister, sieben Diskussionsrunden also, und zusätzlich wurden gleich drei bilaterale Abkommen abgeschlossen. Hauptgegenstand war aber in sämtlichen Gesprächen das von Armenien besetzte Gebiet von Berg-Karabach und die geplanten Öl- und Gaspipelines von Aserbaidschan Richtung Georgien und Türkei (daher auch Besuch einer Erdölbohrfirma). Auch Baku und Umgebung konnte ich mir ansehen und genoss während des ganzen Aufenthaltes stets den Status eines VIP, an den sich ein Bundesrat im Ausland zu gewöhnen droht. Deshalb verzichte ich bei privaten Reisen konsequent darauf, so auch bei meinem anschliessenden Ausflug nach Usbekistan.

Als Nicht-VIP sieht man ganz andere Seiten eines Landes. Statt einen Tee im VIP-Raum zu geniessen, um dann direkt ins Flugzeug geführt zu werden, ohne sich um etwas zu kümmern, dauert der Einstieg ganze zweieinhalb Stunden, wie etwa in Taschkent:
  • Abstehen einer Warteschlange vor dem Check-in
  • Devisenkontrolle, verbunden mit erster Sicherheitskontrolle. Nach 20 Minuten anstehen:
  • Zurückgeschickt werden, weil es neben des Doppels der sorgfältig aufbewahrten Einreisedevisenerklärung auch eine neue Ausreisedevisenerklärung braucht. Ausfüllen derselbigen
  • Erneutes Anstehen in der Warteschlange, Kontrolle der Devisen: Geld zeigen und in allen Währungen zählen
  • Passkontrolle mit Kontrolle der Hotelübernachtungen (Warteschlange)
  • Zweite Sicherheitskontrolle (Warteschlange): Billette vorweisen (nein, nicht Boardingkarte, Billette)
  • Dritte Sicherheitskontrolle (erneute Warteschlange): Schuhe, ausziehen, abtasten lassen etc
  • Neue Schlange je bei diversen Passagen im Flughafen, vor dem Boarding und danach Flughafenbus.
(Dasselbe dann wieder beim Umsteigen in Moskau, wobei Gepäck noch von Hunden kontrolliert wird, da Herkunftsort Taschkent.)

Nicht nur verspätete Flugzeuge spannen die Nerven an: In Buchara ist bei meiner Ankunft das Flugzeug in die Hauptstadt Taschkent ausnahmsweise entgegen dem Fahrplan schon eine Stunde früher abgeflogen. Gerüchten zufolge, die ich in der wartenden Menge aufschnappe, ist „ein VIP aus der Regierung“ gekommen; er wollte imperativ sofort geflogen werden und bediente sich dazu des Verkehrsflugzeuges. Da dies der einzige Flug nach Taschkent war, muss ich als bekennender Nicht-VIP ein Auto organisieren. Es ist das Ende des Ramadan, also ein grosses Fest, an welchem nur wenige arbeiten, weil Familienbeziehungen gepflegt werden. An diesem Tage einen Fahrer finden? Es findet sich aber einer. Und sein Ramadan? „Ramadan ist ein Fest der Nächstenliebe; ich tue das gerne für einen Gast.“ In einem kleinen Daewoo werde ich 600 km während mehr als 7 Stunden nach Taschkent geschüttelt, so dass der Anschlussflug nach Moskau gerade noch klappt.

Zuhause in Zürich: Samtene Landung, Empfang durch den VIP-Service. Alles klappt wie am Schnürchen. Nur am Taxistand kein einziges Taxi und eine lange Warteschlange. Wieso keine Taxis am Zürcher Flughafen? Die spätere Erklärung: Die meisten Taxifahrer am Flughafen sind Muslims.

Sie feiern das Ende des Ramadan.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Das Buch zum Blog

[Version française Livre et blog]

Postkarte zum Buch von Moritz Leuenberger mit dem Text «WARUM mache ich DAS?». Der Text ist orange, der Hintergrund blau, die Wärter WARUM und DAS sind in Grossbuchstaben.

Vielleicht ist es ja schon durchgedrungen: Ich wagte, ein Buch auf den Markt zu werfen, und zwar „provoziert von Bloggern und Professoren“, wie ich im Vorwort gestehe. Die ausführliche Motivation ist auf meiner homepage (www.moritzleuenberger.ch) zu finden. Was ich hier zusätzlich festhalten will, ist: Ich zitiere gleich im ersten Kapitel einen der ersten Kommentare, die sich in meinem Blog fanden und ich beschliesse das Buch mit meiner damaligen Antwort.

Im Kapitel „Politik als Kunst der Macht“, Unterkapitel „Macht und Geld“, drucke ich ebenfalls einen Kommentar aus meinem Blog ab, erschienen noch vor den Sommerferien, zu Klimapolitik und Transparenz der Parteienfinanzierung.

Der Blog, den ich zunächst etwas vorsichtig als Experiment begann, hat sich jetzt also doch gefestigt und er ist sogar Ursache der ganz klassischen Kommunikationsform, nämlich eines Buches. Ich widme es allen meinen Bloglesern und -kommentatorinnen. Wer übrigens Autogrammwünsche hat, kann mir ohne weiteres ein Exemplar zusenden. Er soll mir einfach angeben, wem und zu welchem Anlass ich eine Widmung schreiben soll.

In der Woche vom 7. bis zum 14. Oktober bin ich allerdings in Zentralasien und werde wohl weder signieren, noch einen weiteren Blogbeitrag verfassen können. Es kommt also zu einer kleinen Pause. Dennoch:

Bis bald

Moritz Leuenberger

Postkarte zum Buch von Moritz Leuenberger mit dem Text «LIST ist eine KUNST?». Der Text ist blau, der Hintergrund orange, die Wärter LIST und KUNST sind in Grossbuchstaben.