1. August

[Version française 1er août]

In froher Erwartung der warmen Höhenfeuer und heissen Raketen erwärmen sich auch allmählich meine für eine Weile etwas erkalteten Adern. Sie sind endlich wieder bereit, Blogblut für einen längst fälligen Beitrag fliessen zu lassen. (Zugegeben, ein etwas schwülstiger Einstieg, aber es wird am 1. August landauf landab wohl auch einige schwülstige Reden absetzen und so kann sich hier jedermann etwas einstimmen.)

Im Zentrum des medialen Interesses, das für einmal sogar jenseits unserer Landesgrenzen zu beobachten ist, steht zweifellos die Feier auf dem Rütli. Tatsächlich ist das Rütli für die Geschichte unseres Landes von grosser symbolischer Bedeutung. Es gilt als Wiege unserer Demokratie, was der Grund war, dass der damalige tschechische Präsident Vaclav Havel bei seinem Staatsbesuch 2001 dem Ort seine Referenz erwies. (Die damaligen Reden sind übrigens auf meiner Internetseite zu finden.) Hoffentlich geht bei der Feier auf dem Rütli alles gut.

Nun kennt unser Land natürlich noch andere wichtige historische Orte und Daten, welche für unsere Identität entscheidend sind. Nicht jede Schweizerin und jeder Schweizer legt Wert auf dieselben Ereignisse. Für den einen ist die Geburtsstunde der liberalen Bundesverfassung wichtig, für die andere die Wahl der ersten Bundesrätin. Entsprechend vielfältig sind die symbolischen Orte, die für eine 1. August-Feier in Frage kommen. In verschiedenen Interviews habe ich daher dem Rütli die klassische 1. August-Feier eines Dorfes mit Lampions und einem Höhenfeuer gegenübergestellt und mich jetzt deswegen auch entschieden, in ein solches Dorf zu gehen. Da kein Mitglied des Bundesrates in der italienischsprachigen Schweiz auftritt, habe ich mich für das kleine Dorf Palagnedra entschieden. Haben Sie es gekannt? Wenn nicht, ist das keine Schande, denn es liegt wirklich an der Peripherie unseres Landes, im Centovalli. Es ist mir aber eben gerade wichtig, die Bedeutung so genannter peripherer Gebiete der Schweiz politisch zu würdigen. Unser Land lebt davon, dass alle Regionen gleich berechtigt sind, mit vergleichbaren Infrastrukturen ausgestattet und den gleichen gegenseitigen Zugang zueinander haben. Ich freue mich jedenfalls, Palagnedra kennen zu lernen und ich lese schon interessiert von seiner bewegten Geschichte als Dorf in der Nähe der italienischen Grenze, wo die Männer früher ihre Familien nur durch Schmuggel ernähren konnten und sich während des letzten Krieges italienische Partisanen vor deutschen Soldaten in Sicherheit brachten. Meine Adern werden gewiss ganz warm und ich werde meiner Bloggemeinde von der Gemeinde des 1. August rapportieren können, wie es in Palagnedra war. Ich werde gewissermassen einen „Peripherie-Rapport“ erstatten, nicht als General zwar, aber doch als interessierter Tessintourist.

Bis bald

Moritz Leuenberger


Vom Antischunkelreflex

[Version française Réflexe antigrégaire]

Die Symptome zeigten sich erstmals wieder bei Gottschalk. Zwischen den Reden (die meinige ist auf meiner homepage aufgeschaltet unter dem Titel „Ein Gott, ein Schalk und die heilige Quote“) spielte eine kleine Jazzgruppe und animierte das Publikum zu rhythmischem Mitklatschen, was denn ein Grossteil desselbigen auch willig tat. Ich konnte nicht.

Meine Krankheit nahm ihren weit heftigeren Fortgang bei Gilberto Gil, dem brasilianischen Kultusminister und Sänger, als dieser im Hof des Landesmuseums auftrat. Gil sang dem Publikum jeweils einen Takt von zwei bis drei Tonfolgen vor und das Publikum echote sie fröhlich zurück, erstaunlich präzis und melodiös für eine so grosse Masse, wie ich ausdrücklich festhalten möchte. Das steigerte sich zu immer schnelleren und lauteren Sequenzen (Gil wendet sein Ohr ins Publikum: „Ich höre Euch nicht, lauter!“, und das Echo wird tatsächlich immer stärker). Es folgt rhythmisches Klatschen. Reihenweise erhebt sich das Publikum. Die Welle erfasst die VIP-Bänke. Amtsdirektoren, Ständeratskandidaten, Nationalrätinnen (aller Parteifarben) Handelskammervorsteher samt ihren Gattinnen und Schwestern wogten gemeinsam mit Gil und skandierten portugiesische Texte, die ich jedenfalls nicht verstand und wohl ein grosser Teil des Publikums auch nicht. Da Gilberto Gil sich ja für die Menschenrechte und auch für eine ökologische Umweltpolitik einsetzt, dürfte es dieser Text sicher verdient haben, von Tausenden Kehlen inbrünstig in den Himmel Zürichs gestossen worden zu sein.

Und doch blieb ich sitzen. Es meldete sich meine Krankheit zurück, ein Relikt aus meiner frühesten Jugend. Mein allererster Leserbrief im Alter von 12 oder 13 Jahren verfasst und von mir in Schulklassen oft als meine erste politische Aktion bezeichnet, beschrieb meinen Aberwillen gegen eine Evangelisationsveranstaltung von Billy Graham in Basel. Wie leicht lassen sich Menschen zu Texten oder Stimmungen zunächst verführen und dann auch manipulieren, wo dann nicht immer nur für Menschenrechte und gegen den CO2-Ausstoss die Rede ist, sondern vom Gegenteil, von Rassismus oder Menschenverachtung. Nein, das war bei Gilberto Gil ganz und gar nicht der Fall. Alle waren fröhlich und wussten, wofür sie mitschwangen, stampften und skandierten, nämlich gegen das Abholzen der Wälder in Brasilien und für die Rechte der Ureinwohner; das muss so gewesen sein.

Aber meine Krankheit bleibt. Ich kann nicht auf Befehl lachen und klatschen, was mir schon oft böse Kommentare über mein mürrisches und sauertöpfisches Erscheinen in der Öffentlichkeit bescherte. Ich möchte mich dafür entschuldigen, ich habe einen Virus gegen Massenpsychose in mir, einen Antischunkelreflex. Sorry.

Bis bald
Moritz Leuenberger


Live earth

[Version française Live earth]

Blick-Karikaturist Nico zu «Live earth»: Seine Zeichnung zeigt einen Rocksänger auf der Bühne vor Publikum sowie einen Beamten mit einem Messgerät, und in der Legende den Ausspruch: «Tschuldigung, ich muss nur kurz Ihren CO2-Ausstoss messen.» (©Nico/Blick 2007)

Der Beitrag von Blick-Karikaturist Nico zu "Live earth" - veröffentlicht im Blick vom 7. Juli 2007 (© Nico/Blick)

Letzte Woche fand unser Schulreisli statt, politisches Ritual der eidgenössischen Demokratie. Die Gesamtregierung, die ja eigentlich ein Präsidialkollektiv ist, besucht den Kanton der Präsidentin oder des Präsidenten, lässt sich in die dortigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenheiten einführen, begegnet der Bevölkerung. Jede Staatsform kennt solche Rituale, diejenigen der Demokratie sind nicht ganz so spektakulär wie die einer Monarchie und diejenige in der Schweiz betonen die direkte Verbundenheit zwischen Stimmbürgerinnen und Bundesräten ganz besonders. Wohl hat es Sicherheitsleute, aber nirgends sind Abschrankungen zu sehen und es ergeben sich einige sehr spontane Gespräche, zum Beispiel mit arbeitslosen Jugendlichen. Zwar dauern derartige Gespräche nur wenige Minuten, aber die Begegnungen haben ja auch einen Symbolwert. Symbole spielen in der Politik eine gewichtige Rolle und sollten nicht unterschätzt werden.

Diese Bedeutung politischer Symbolik unterschätzte ich immer wieder und ich zögere deshalb, Al Gores globale Rockkonzerte „live earth“ politisch einzuordnen. Al Gore hat seine Idee ganz offensichtlich im Pfarrsaal St. Anton in Luzern bezogen, denn dort wurde zum ersten Mal gegen den CO2-Ausstoss gerockt. Wenn die vom schweizerischen Parlament dann doch noch beschlossene CO2 Abgabe direkt auf die Rockmusik im luzernischen Gotteshaus zurückzuführen ist, dann muss „live earth“ logischerweise eine ebenso direkte Wirkung bei den Regierungen Australiens, der USA und anderen haben. Allerdings müssten dann die Massnahmen der betroffenen Regierungen, in deren Länder ein Konzert stattfand, noch viel effektvoller gegen den Klimawandel vorgehen, denn die Besucherzahlen und die Phonstärke waren doch um einiges stärker als in St. Anton. Doch halt! Ich beginne zu spotten und das ist wohl fehl am Platz. Aber so ganz ein wenig frage ich mich dann doch, was das alles bringt, wenn Tausende mit dem Auto an eine Rockkonzert fahren, wo ihnen beigebracht wird, sie sollen zuhause sofort die Glühbirnen ersetzen. Aber das ist wohl der falsche Weg, solche Aktionen auf ihre politische Wirksamkeit zu messen. Vielleicht geht es eher um die Symbolik, darum also, die Dringlichkeit einer globalen Klimapolitik mit möglichst gigantischen Zahlen, also mit Hunderttausenden von Besucherinnen und Besuchern, mit Millionen von TV- Zuschauerinnen und Zuschauern und mit möglichst vielen Dezibel sinnbildlich zu untermauern. Das ist ja immerhin etwas und so will ich denn gerne hoffen, dass diese Symbolik bei den nächsten Wahlen und bei der politischen Umsetzung der Klimapolitik ihre ganz konkreten Früchte tragen wird.

Bis bald

Moritz Leuenberger