Huttwil und Hilton
[Version française Huttwil et Hilton]
Sorry, ich war abwesend, nach Holland in Wien, wo ich bei der der meist eher konservativen ÖVP über die Bedeutung von politischen Parteien sprach, und dann in Genf, wo ich vor der meist eher fortschrittlichen Sozialistischen Internationale über den Zusammenhang von Krieg und Klimapolitik spreche (alles je auf Internet zu finden). Zwischen all diesen Auftritten in gleissendem Scheinwerferlicht internationaler Medien war ich in Huttwil. Dass dort die Unwetter mehrere Tote verursachten, hat mich sehr mitgenommen, und ich wollte den Menschen in dieser Gegend, insbesondere den Familienangehörigen meine Anteilnahme zeigen. Es gab kaum Medien. Ich habe meinem Stab sogar ausdrücklich gesagt, ich möchte nicht, dass man nur wegen mir solche anvisiert. Manchmal laufe ich in meinem Beruf nämlich etwas die Gefahr, der These zu erliegen, es fände nur statt, worüber die Medien berichten. Das stimmt nicht. Es ist oft zufällig, wo die Medien sind und von wo sie berichten. Es gibt viel Elend, Hunger, ja Kriege, von denen wissen wir trotz Überflutung mit Informationen aus aller Welt nichts. Dafür beschäftigt sich alle Welt intensiv mit Knut oder Paris Hilton. Umso wichtiger ist es, dass wir auch dorthin gehen, wo keine Medien sind und anderen Menschen als Mensch in die Augen blicken. Ich versuchte das in Huttwil zum Ausdruck zu bringen.
Meine Ansprache lautete:
„Merkwürdig, wie unterschiedlich öffentliche Reaktion auf ein Unglück ausfallen. Vor zwei Jahren wurden Teile der Innerschweiz, v.a. Nidwalden überschwemmt. Im Fernsehen sahen wir Filme aus der Vogelschau, gedreht aus Helikoptern. Alle waren entsetzt über das Ausmass der Schäden. Betroffene äusserten sich darüber, wie sie alles erlebt haben, über die zerstörten Garagen und Wohnungen, über vernichtete Erinnerungen. Samuel Schmid, der damalige Bundespräsident, besuchte die Gegend zwei Mal, ich als Umweltminister ebenfalls. Dennoch gab es ausführliche Kritik in den Medien und im Parlament, wir seien zu spät gekommen, wir hätten nicht alle Schadensorte besucht. Eine Zeitung empörte sich, ich hätte einen unpassenden Regenmantel angezogen. Ja, die Schäden waren gross, die Bilder spektakulär.
Das ist die Optik der Kamera. Je näher die Kamera, je mehr Kameras zu Stelle, desto grösser die Betroffenheit des Landes. Das ist in der ganzen Welt so. Es gibt viele Katastrophen, über die halten wir uns nicht auf, weil wir sie nicht kennen, weil keine Medien dort sind.
Und das ist auch in unserem Land so.
Das Unglück, das wir heute betrauern, erfuhr ich aus dem Teletext. Ich war wie gelähmt, als ich las, dass hier Menschen starben. Aber es informierte mich kein Katastrophendienst, kein Medium drängte auf Anteilnahme. Und die Behörden Ihrer Gemeinde haben in grosser Bescheidenheit nicht die Anwesenheit eines Bundesrates verlangt oder gar darauf gedrängt, heute hierher zu kommen.
Ich bin trotzdem gekommen. Und ich habe die Medien nicht darüber informiert. Denn ich bin hier eigentlich gar nicht so sehr als Bundesrat, sondern einfach, weil mich dieses Unglück beschäftigt, weil es mich bewegt hat, dass hier Menschen gestorben sind. Der Oberaargau ist die Gegend meiner Heimat. Ich habe während der Schulzeit meine Ferien hier bei Bauern verbracht und meine Heimatgemeinde Rohrbach hat mich gefeiert, als es mir gut ging und ich Bundesrat wurde. Und so möchte ich, wenn hier Trauer herrscht, wenn es nicht gut geht, hier sein. Ich möchte, dass das ein Zeichen der Solidarität ist, der Solidarität von Mensch zu Mensch. Denn wir sind alle mitten im Leben vom Tod umgeben.
Ich möchte auch, dass es ein symbolisches Zeichen des Bundesrates ist. Unser Land denkt an Sie, die Sie Ihre Lieben verloren haben, mitten aus dem Leben gerissen. Im Namen aller Menschen in unserem Lande möchte ich Euch versichern: Wir denken an Euch. Wir sind bei Euch. Mitten in diesen Gedanken an den Tod, sollen Sie vom Leben umgeben sein.“
Bis bald
Moritz Leuenberger
Sorry, ich war abwesend, nach Holland in Wien, wo ich bei der der meist eher konservativen ÖVP über die Bedeutung von politischen Parteien sprach, und dann in Genf, wo ich vor der meist eher fortschrittlichen Sozialistischen Internationale über den Zusammenhang von Krieg und Klimapolitik spreche (alles je auf Internet zu finden). Zwischen all diesen Auftritten in gleissendem Scheinwerferlicht internationaler Medien war ich in Huttwil. Dass dort die Unwetter mehrere Tote verursachten, hat mich sehr mitgenommen, und ich wollte den Menschen in dieser Gegend, insbesondere den Familienangehörigen meine Anteilnahme zeigen. Es gab kaum Medien. Ich habe meinem Stab sogar ausdrücklich gesagt, ich möchte nicht, dass man nur wegen mir solche anvisiert. Manchmal laufe ich in meinem Beruf nämlich etwas die Gefahr, der These zu erliegen, es fände nur statt, worüber die Medien berichten. Das stimmt nicht. Es ist oft zufällig, wo die Medien sind und von wo sie berichten. Es gibt viel Elend, Hunger, ja Kriege, von denen wissen wir trotz Überflutung mit Informationen aus aller Welt nichts. Dafür beschäftigt sich alle Welt intensiv mit Knut oder Paris Hilton. Umso wichtiger ist es, dass wir auch dorthin gehen, wo keine Medien sind und anderen Menschen als Mensch in die Augen blicken. Ich versuchte das in Huttwil zum Ausdruck zu bringen.
Meine Ansprache lautete:
„Merkwürdig, wie unterschiedlich öffentliche Reaktion auf ein Unglück ausfallen. Vor zwei Jahren wurden Teile der Innerschweiz, v.a. Nidwalden überschwemmt. Im Fernsehen sahen wir Filme aus der Vogelschau, gedreht aus Helikoptern. Alle waren entsetzt über das Ausmass der Schäden. Betroffene äusserten sich darüber, wie sie alles erlebt haben, über die zerstörten Garagen und Wohnungen, über vernichtete Erinnerungen. Samuel Schmid, der damalige Bundespräsident, besuchte die Gegend zwei Mal, ich als Umweltminister ebenfalls. Dennoch gab es ausführliche Kritik in den Medien und im Parlament, wir seien zu spät gekommen, wir hätten nicht alle Schadensorte besucht. Eine Zeitung empörte sich, ich hätte einen unpassenden Regenmantel angezogen. Ja, die Schäden waren gross, die Bilder spektakulär.
Das ist die Optik der Kamera. Je näher die Kamera, je mehr Kameras zu Stelle, desto grösser die Betroffenheit des Landes. Das ist in der ganzen Welt so. Es gibt viele Katastrophen, über die halten wir uns nicht auf, weil wir sie nicht kennen, weil keine Medien dort sind.
Und das ist auch in unserem Land so.
Das Unglück, das wir heute betrauern, erfuhr ich aus dem Teletext. Ich war wie gelähmt, als ich las, dass hier Menschen starben. Aber es informierte mich kein Katastrophendienst, kein Medium drängte auf Anteilnahme. Und die Behörden Ihrer Gemeinde haben in grosser Bescheidenheit nicht die Anwesenheit eines Bundesrates verlangt oder gar darauf gedrängt, heute hierher zu kommen.
Ich bin trotzdem gekommen. Und ich habe die Medien nicht darüber informiert. Denn ich bin hier eigentlich gar nicht so sehr als Bundesrat, sondern einfach, weil mich dieses Unglück beschäftigt, weil es mich bewegt hat, dass hier Menschen gestorben sind. Der Oberaargau ist die Gegend meiner Heimat. Ich habe während der Schulzeit meine Ferien hier bei Bauern verbracht und meine Heimatgemeinde Rohrbach hat mich gefeiert, als es mir gut ging und ich Bundesrat wurde. Und so möchte ich, wenn hier Trauer herrscht, wenn es nicht gut geht, hier sein. Ich möchte, dass das ein Zeichen der Solidarität ist, der Solidarität von Mensch zu Mensch. Denn wir sind alle mitten im Leben vom Tod umgeben.
Ich möchte auch, dass es ein symbolisches Zeichen des Bundesrates ist. Unser Land denkt an Sie, die Sie Ihre Lieben verloren haben, mitten aus dem Leben gerissen. Im Namen aller Menschen in unserem Lande möchte ich Euch versichern: Wir denken an Euch. Wir sind bei Euch. Mitten in diesen Gedanken an den Tod, sollen Sie vom Leben umgeben sein.“
Bis bald
Moritz Leuenberger


